Fender gegen die Gitarrenwelt?
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ToggleWarum ein Urteil zur Stratocaster-Form jetzt Händler, Hersteller und Musiker alarmiert
Das könnte laut Forderung von Fender dazu führen, dass Thomann und viele andere Händler zig- tausende von Gitarren zerstören müssen, bereits getätigte Aufträge rückabwickeln und Kundendaten preisgeben müssen.
Es klingt zunächst wie ein Streit um eine Gitarrenform. Tatsächlich könnte daraus aber einer der heftigsten Konflikte werden, den die Gitarrenbranche seit Jahren erlebt hat. Im Zentrum steht Fender, genauer gesagt: die Korpusform der Stratocaster.
Die Klage, die in den USA krachend gescheitert ist, hat leider in der EU Rechtskraft.
Nach einem Urteil des Landgerichts Düsseldorf gilt das Stratocaster-Korpusdesign in Deutschland und der EU als urheberrechtlich schützbar. Fender sieht darin einen wichtigen Schritt zum Schutz eines ikonischen Designs. Das Urteil betrifft ursprünglich einen chinesischen Anbieter, der nahezu identische Stratocaster-Kopien über AliExpress auch nach Deutschland angeboten hatte.
So weit, so nachvollziehbar. Gegen dreiste Billigkopien, Fake-Produkte und Instrumente, die fast wie echte Fender-Gitarren aussehen, kann und darf sich ein Hersteller wehren. Das ist nicht der Punkt, an dem die Szene jetzt aufschreit.
Vom Kopierschutz zum Branchenbeben
Brisant wird die Sache dadurch, dass Fender laut aktuellen Berichten inzwischen auch gegen Hersteller sogenannter S-Style-Gitarren vorgeht. Guitar World berichtet unter anderem über ein Schreiben an den US-Hersteller LsL Instruments. Darin soll gefordert worden sein, die Produktion und den Verkauf entsprechender S-Style-Modelle einzustellen. Außerdem steht laut Bericht im Raum, bereits verkaufte Gitarren zurückzurufen und vorhandene Bestände zu zerstören.
Kleiner Scherz am Rande: Sollte die Zerstörung der Gitarren tatsächlich anstehen, könnte das ein Job für Matthew Bellamy von Muse sein. Matthew hält den Guinness-Weltrekord für die meisten zerbrochenen Gitarren auf einer Tournee – er hat 140 Gitarren zerbrochen.
Genau dieser Punkt sorgt für massive Unruhe. Denn S-Style-Gitarren sind seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil des Marktes. Von günstigen Einsteigerinstrumenten bis zu hochwertigen Boutique-Gitarren gibt es unzählige Modelle, die sich an der klassischen Strat-Form orientieren. Sie heißen nicht Fender, tragen kein Fender-Logo und haben oft andere Hardware, andere Pickups, andere Hälse und eigene Konzepte.
Trotzdem stellt sich jetzt die Frage: Wo endet legitimer Designschutz – und wo beginnt ein Angriff auf eine ganze Bauform?
Drohen Schäden in Millionenhöhe?
In der Szene kursieren inzwischen dramatische Befürchtungen. Wenn Händler große Lagerbestände mit S-Style-Modellen nicht mehr verkaufen dürften, könnten die wirtschaftlichen Folgen enorm sein. Bei großen Händlern, internationalen Herstellern und unzähligen kleineren Gitarrenbauern geht es nicht um ein paar Einzelstücke, sondern potenziell um tausende Instrumente.
Von „Hunderten Millionen Schaden“ zu sprechen, ist aktuell noch eine Befürchtung und keine belegte Zahl. Aber der Gedanke dahinter ist nicht aus der Luft gegriffen: Wenn ein kompletter Produktbereich plötzlich juristisch unter Druck gerät, betrifft das Hersteller, Händler, Vertrieb, Werkstätten, Musiker und am Ende auch Kunden.
Besonders kritisch: Ein Abmahnschreiben ist noch kein endgültiges Gerichtsurteil gegen jeden einzelnen Hersteller. Es ist zunächst eine Forderung. Juristisch müsste im Streitfall geprüft werden, ob ein konkretes Modell tatsächlich eine unzulässige Nachahmung darstellt. Auch wichtig: Das ursprüngliche Düsseldorfer Urteil war laut Gitarre & Bass ein Versäumnisurteil, weil sich die beklagte Partei nicht verteidigt beziehungsweise nicht erschienen ist.
Bernd Kiltz löscht seine Fender-Videos
Auch in der deutschen Gitarren-Community ist das Thema angekommen. Gitarrenlehrer und YouTuber Bernd Kiltz hat in seinem Video sehr deutlich Stellung bezogen. Laut seinem eigenen Statement hat er alle bisherigen Fender-Inhalte von seinem Kanal gelöscht und will künftig keine Fender-Produkte mehr vorstellen.
Das ist ein starkes Signal. Denn Bernd Kiltz ist kein anonymer Kommentator, sondern ein reichweitenstarker Gitarren-Influencer, der viele Musiker, Einsteiger und Gitarreninteressierte erreicht. Wenn solche Stimmen öffentlich auf Distanz gehen, wird aus einer juristischen Auseinandersetzung schnell ein Imageproblem.
Fender schützt ein Erbe – aber wie weit darf das gehen?
Man muss fair bleiben: Die Stratocaster ist ein Stück Musikgeschichte. Seit 1954 prägt diese Form Bühnen, Studios und Musikstile auf der ganzen Welt. Fender hat ein berechtigtes Interesse daran, die eigene Marke und echte Originale zu schützen.
Aber Musikgeschichte entsteht nicht im Gerichtssaal. Sie entsteht in Proberäumen, Werkstätten, Clubs, Studios und auf Bühnen. Viele kleine Gitarrenbauer und Boutique-Hersteller bauen keine billigen Kopien, sondern hochwertige Instrumente mit eigener Handschrift. Genau diese Differenzierung ist jetzt entscheidend.
Ein konsequentes Vorgehen gegen Fälschungen ist nachvollziehbar. Ein pauschaler Feldzug gegen alles, was nach S-Style aussieht, wäre dagegen ein gefährliches Signal an die gesamte Szene.
StageAID-Einschätzung
Fender steht jetzt an einem entscheidenden Punkt. Der Konzern kann zeigen, dass es ihm wirklich um den Schutz vor dreisten Kopien geht. Oder er riskiert, als Marke wahrgenommen zu werden, die eine über Jahrzehnte gewachsene Gitarrenkultur nachträglich kontrollieren will.
Sollten tatsächlich Händler und Hersteller gezwungen werden, Instrumente aus dem Verkauf zu nehmen, Lagerbestände zu vernichten oder Kundendaten offenzulegen, wäre das mehr als ein juristischer Vorgang. Es wäre ein Frontalangriff auf einen gewachsenen Markt.
Unserer Meinung nach ist die Korpusform allgemeines Kulturgut, das man zwar lizensieren dürfte, aber nicht verbieten soll.
Die Gitarrenszene wird genau hinschauen. Und sie wird reagieren und sich erinnern.
Denn am Ende entscheidet nicht nur ein Gericht darüber, was eine Marke wert ist. Das entscheidet auch die Community.
Und das sollte sie. Wir vermuten, dass sich der altehrwüdige Leo Fender im Grab herumdrehen würde, wenn er das hier mitbekäme.






