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Montag, Juni 22, 2026
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Frauen im Musikbusiness und warum es so wenige davon gibt – ein Interview mit Malle Kaas

Links: Weibliche Stakehand vor „ihrer“ Bühne / Rechts: Sigri beim Workshop © WILM

Women in Live Music : „Wir müssen die soziale DNA der Livebranche verändern“ – Sie kämpft für mehr Sichtbarkeit, Vielfalt und echte Zugehörigkeit hinter der Bühne. Denn hinter den Kulissen der Livebranche sind Frauen und andere unterrepräsentierte Gruppen noch immer deutlich in der Minderheit. Genau hier setzt Women in Live Music, kurz WILM , an: Die europäische Non-Profit-Organisation vernetzt Menschen aus Veranstaltungstechnik, Produktion, Tourmanagement, Logistik und vielen weiteren Backstage-Berufen.

Bis heute stellen Frauen nur einen geringen Anteil der Beschäftigten in der Musikindustrie. Dies war der Hauptgrund für die Gründung von WILM. Doch Veränderungen können nur durch die Unterstützung aller gelingen. Daher laden wir alle Geschlechter ein, sich uns anzuschließen und gemeinsam für eine ausgewogene Vielfalt in der Zukunft zu sorgen. Mit einer internationalen Community, einer öffentlich zugänglichen Crewlist, Workshops, Veranstaltungen und den WILMAwards macht WILM qualifizierte Fachkräfte sichtbar und stärkt zugleich ihr berufliches Selbstvertrauen.

Das Interview

Im Interview erklärt WILM-CEO und Mitgründerin Malle Kaas , warum fachliche Kompetenz allein nicht genügt, weshalb Männer wichtige Verbündete sind und warum eine nachhaltige Veränderung der Livebranche Zeit, Geduld und neue Vorbilder braucht. Weitere Informationen findest du auf: womeninlivemusic.eu

Hinweis der Redaktion: Das Interview wurde aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt und sprachlich behutsam geglättet. Inhalt und Aussagen sind unverändert.

StageAID: Erklärst du in etwa einem Satz mal WILM jemandem, der noch nie von euch gehört hat: Wer seid ihr und für wen seid ihr da?

Malle: “Wir sind eine europäische Non-Profit-Organisation für Frauen und andere unterrepräsentierte Gruppen, die hinter der Bühne arbeiten. Dabei decken wir sämtliche Arbeitsbereiche in Produktion, Logistik und Technik ab.”

“Im Grunde geht es um all die Menschen, die benötigt werden, damit eine Show überhaupt stattfinden kann – mit Ausnahme der Künstlerinnen und Künstler. Aber natürlich sind auch sie in unserer Community herzlich willkommen.”

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StageAID: Wo hat das alles angefangen? Was war der Moment, in dem ihr gesagt habt: „So etwas muss es geben“?

Malle: “Eine Kollegin und ich hatten den langjährigen Monitor-Engineer von Tori Amos eingeladen, um über die Herausforderungen zu sprechen, denen Frauen in der Live-Musikbranche begegnen. Während der anschließenden Fragerunde stand eine Frau aus Großbritannien auf und berichtete von einer Tour durch Frankreich, bei der sie als Backline-Technikerin gearbeitet hatte. Sie erzählte, dass sich die örtliche Crew geweigert hatte, mit ihr zu sprechen – einzig und allein, weil sie eine Frau war.”

“Leider sind solche Geschichten keine Seltenheit. Viele unserer Mitglieder haben ähnliche Situationen erlebt. Doch an diesem Abend hat uns diese Erzählung besonders beschäftigt. Uns wurde bewusst, wie wenige Frauen hinter der Bühne arbeiteten. Viele von uns hatten in ihrem Beruf noch nie andere Frauen kennengelernt – geschweige denn gemeinsam mit ihnen eine Tour bestritten.”

Malle Kaas bei ihrer Arbeit am Mischpult (Studio) © WILM

Malle Kaas bei der Arbeit in ihrem Studio am Mischpult © WILM

Malle: “Es bestand ein echter Bedarf nach einem Ort, an dem Frauen miteinander in Kontakt kommen, sich gegenseitig unterstützen und neue Kraft und Motivation finden konnten. Damals, vor fast zehn Jahren, lag der Frauenanteil unter den Backstage-Beschäftigten deutlich unter fünf Prozent. Gleichzeitig gab es keine Plattform, die uns miteinander verband. So entstand die Idee, eine eigene Community aufzubauen. Bis heute sind wir die einzige internationale Organisation, die Frauen aus den Bereichen Technik, Produktion und Logistik innerhalb der Live-Musikbranche gemeinsam vertritt.”

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StageAID: Mehr als 80 Prozent eurer rund 9.000 Mitglieder leiden unter dem Impostor-Syndrom[1] – teilweise so stark, dass sie darüber nachdenken, die Branche zu verlassen. Das ist eine erschreckende Zahl. Was steckt dahinter und wie wirkt WILM dem entgegen?

Malle: “Vielleicht sollte ich zunächst mal klären, was das Impostor Syndrom eigentlich ist, dann wird einiges verständlicher: Das Impostor-Syndrom ist das psychologische Phänomen, bei dem Betroffene trotz offensichtlicher Erfolge extrem an ihren eigenen Fähigkeiten zweifeln. Sie führen Leistungen oft auf Glück oder Zufall zurück und leben in der ständigen Angst, als „Betrüger“ entlarvt zu werden …”

“Die Live-Musikbranche wurde größtenteils von Männern aufgebaut. Das geschah allerdings nicht aufgrund eines bewussten Plans, Frauen auszuschließen. Als sich die Branche in den 1950er- und 1960er-Jahren entwickelte, waren die gesellschaftlichen Rollen und beruflichen Möglichkeiten für Frauen grundlegend anders als heute. Die meisten technischen Berufe sowie Tätigkeiten in Produktion und Touring wurden von Männern ausgeübt. Von Frauen wurde dagegen häufig erwartet, dass sie unterstützende Aufgaben übernehmen oder zu Hause bleiben und sich um ihre Familien kümmern.”

“Entsprechend entwickelte sich die Branche über Jahrzehnte hinweg entlang dieser Strukturen weiter. Wenn eine Frau ihr ganzes Leben lang hört, dass bestimmte Tätigkeiten „Männerberufe“ seien, kann es unglaublich schwer sein, den Schritt in diese Arbeitswelt zu wagen – besonders dann, wenn sie kein berufliches Netzwerk hat, das sie unterstützt. Selbst wenn der Einstieg gelingt, haben viele Frauen das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören oder sich ständig beweisen zu müssen, um akzeptiert zu werden”

Dieses Gefühl steht häufig mit dem Impostor-Syndrom, auch Hochstapler-Syndrom genannt, in Verbindung. Auf Dauer kann das enorm anstrengend sein.
Von Anfang an war es deshalb Ziel von WILM , genau diese Denkweise zu verändern. Wir möchten neben der fachlichen Kompetenz auch das Selbstvertrauen stärken.

Malle: “Dazu bauen wir eine starke Community auf, schaffen Möglichkeiten zum Netzwerken und erhöhen die Sichtbarkeit unserer Mitglieder – beispielsweise über unsere Crewlist und die WILMAwards. Hinzu kommen Workshops und Veranstaltungen, durch die sich unsere Mitglieder beruflich und persönlich weiterentwickeln können. Unser Ziel besteht nicht nur darin, Türen zu öffnen. Wir möchten auch dafür sorgen, dass Frauen das Gefühl haben, wirklich dazuzugehören, sobald sie durch diese Türen gegangen sind.”

StageAID: „Community“ ist das entscheidende Stichwort. Wie sieht diese Gemeinschaft in der Praxis aus? Wie vernetzen sich eure Mitglieder, unterstützen sich und teilen ihr Wissen?

Malle: “Ich bin sehr stolz darauf, dass wir wahrscheinlich eine der herzlichsten und inklusivsten Communitys überhaupt haben. Rund acht Prozent unserer Mitglieder sind beispielsweise Männer – und wir würden uns freuen, wenn es davon noch mehr werden. Also: Wir bringen Menschen zusammen, indem wir möglichst viele Veranstaltungen in ganz Europa organisieren. Einige unserer Mitglieder fliegen sogar extra zu diesen Treffen. Darüber hinaus gibt es natürlich unsere WILM-Facebook-Gruppe mit fast 9.000 Mitgliedern.”

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“Dort können Menschen ihre Geschichten teilen und Fragen stellen, die sie sich an anderer Stelle vielleicht nicht zu stellen trauen würden. Vor allem aber finden sie dort Unterstützung, Inspiration und das Gefühl, nicht allein zu sein.”

StageAID: Ihr bezeichnet Aufklärung als eine eurer wichtigsten Aufgaben – insbesondere die Aufklärung von Männern. Wie sieht das konkret aus und wie erreicht ihr Menschen, die das Problem bisher vielleicht noch gar nicht erkannt haben?

Malle: “Natürlich erreicht man manche Menschen und andere wiederum nicht. Aber die Mehrheit der Männer, mit denen wir sprechen, ist sehr daran interessiert, mehr über die Hindernisse zu erfahren, denen Frauen begegnen. Oft ist ihnen gar nicht bewusst, wie belastend und schädlich manche Situationen für Frauen und andere unterrepräsentierte Gruppen in der Branche sein können.”

Kommunikation und Dialog sind der (einzig) richtige Weg

“Wir versuchen deshalb, mit einem gewissen Augenzwinkern zu vermitteln, wie es ist, als Frau in dieser Branche zu arbeiten – ohne jemanden bloßzustellen oder an den Pranger zu stellen.”

StageAID: Ihr sprecht davon, die „soziale DNA“ der Branche verändern zu wollen. Was bedeutet das konkret und was gibt euch die Hoffnung, dass es gelingen kann?

Malle: “Wir sprechen zwar viel über Vielfalt und die Notwendigkeit von Veränderungen. Trotzdem sind viele Gewohnheiten, Verhaltensweisen und Strukturen, die ungesunde oder ausgrenzende Arbeitsumfelder schaffen, nach wie vor vorhanden. In der VA-Branche gibt es zwar viele großartige Initiativen und sehr viel guten Willen. Doch ein echter kultureller Wandel entsteht nur selten allein durch Worte. Die soziale DNA einer ganzen Branche zu verändern, ist ein schrittweiser Prozess. Viele Verhaltensweisen und Arbeitsabläufe sind tief verankert. Es braucht Zeit, sie infrage zu stellen und durch neue Selbstverständlichkeiten zu ersetzen.”

Vor dem Entladen der Lkw´s: Kurze Teambesprechung unter Frauen © Deutsche Bank Park

Vor dem Entladen der Lkw´s: Kurze Teambesprechung unter Frauen © Deutsche Bank Park

Malle: „Genau deshalb bin ich zuversichtlich. Wir erkennen bereits Fortschritte. Das Bewusstsein wächst und immer mehr Menschen setzen sich ernsthaft für Veränderungen ein. Nachhaltige Vielfalt hinter der Bühne wird nicht über Nacht entstehen. Aber das ist in Ordnung. Eine tiefgreifende Veränderung benötigt Raum, Geduld und Zeit, damit sie Wurzeln schlagen und zu einem festen Bestandteil der Branchenkultur werden kann.“

StageAID: Was hat sich in der Live-Musik- und Veranstaltungsbranche während der vergangenen Jahre bereits verändert – und wo besteht noch dringender Handlungsbedarf?

Malle: “Psychische Gesundheit erhält inzwischen deutlich mehr Aufmerksamkeit. Gleichzeitig wächst das Verständnis für Neurodiversität und für die Schwierigkeiten von Menschen, die mit einer Suchterkrankung kämpfen. Trotzdem müssen wir noch offener über diese Themen sprechen. Das gilt besonders dann, wenn Drogenkonsum als normal angesehen wird oder wenn der Alkoholkonsum eines Kollegen oder einer Kollegin Anlass zur Sorge gibt.”

Wir müssen noch offensiver über die selbstverständlichen Gleichstellungsthemen sprechen. Besonders dann, wenn Drogen eine Rolle zu spielen beginnen …

Malle: “Gleichzeitig erkennen wir in der gesamten Branche gesündere Entscheidungen – von einer besseren Verpflegung bis hin zu insgesamt verbesserten Arbeitsbedingungen. Vernünftige Arbeitszeiten, bessere Unterstützungsstrukturen und ein respektvolleres Miteinander gewinnen an Bedeutung. Beim Thema Vielfalt gibt es allerdings einen Bereich, der dringend mehr Aufmerksamkeit benötigt: Die Branche muss familienfreundlicher werden.”

“Da immer mehr Frauen in der Veranstaltungswirtschaft arbeiten, müssen wir ernsthaft darüber sprechen, wie wir werdende Mütter, frischgebackene Eltern und Menschen, die ihr Familienleben mit den Anforderungen einer Karriere in der Live-Musikbranche vereinbaren müssen, besser unterstützen können.”

StageAID: Was würdest du einer jungen Frau oder einer nichtbinären Person sagen, die gerade in die Liveproduktion, das Touring oder die Bühnentechnik einsteigt?

Malle: “Du bist nicht allein. Und wenn du 10.000 Stunden in etwas investierst, für das du wirklich brennst, wirst du zu einer Expertin oder einem Experten auf diesem Gebiet werden. Also entspann dich ein wenig und fang an, das zu genießen, was du tust.”

StageAID: Wie können sich Mitglieder, Unterstützer, Künstler oder Unternehmen bei WILM engagieren und eure Arbeit unterstützen?

Malle: “Wir würden uns über weitere Botschafterinnen und Botschafter sehr freuen. Wir brauchen Menschen aus der Branche, die öffentlich für uns eintreten – insbesondere Künstlerinnen und Künstler sowie Personen und Unternehmen, die über entsprechende Reichweite und finanzielle Möglichkeiten verfügen. Jeder kann uns jederzeit kontaktieren und erfahren, wie eine Unterstützung oder Zusammenarbeit aussehen könnte.”

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StageAID: Was steht als Nächstes bei WILM an? Gibt es Projekte, Kampagnen oder Ziele, die ihr besonders hervorheben möchtet?

Malle: “Wir organisieren Festival Camps in verschiedenen Ländern. Ausgewählte Mitglieder verbringen dort eine Woche miteinander. Einen Teil der Zeit arbeiten sie für das jeweilige Festival, während sie im anderen Teil von uns geschult und weitergebildet werden. Das nächste Camp findet im Juli in Kristiansand statt: das WILM Festival Camp im Ravnedalen in Norwegen.”

“Dann gibt es natürlich noch unsere große Veranstaltung, die WILMAwards in London. In diesem Jahr möchten wir dort am 17. Dezember die Frauen der Branche und ihre Leistungen vorstellen und feiern.”

Malle, wir drücken euch die Daumen, dass ihr eure Ziele erreicht. Wegen der guten Erfahrungen, die wir schon immer mit Frauen machen konnten, arbeiten wir auch heute weiterhin sehr gerne mit Frauen zusammen. Das zeigt auch unser Interview mit Lea Mellentin von der Geister Familie: Sie ist mit über 200 Mitarbeitern auch bei den größten Produktionen in Deutschland sehr erfolgreich unterwegs. Dieses Interview haben wir nebst einem begleitenden Artikel vor kurzem erst auf StageAID veröffentlicht: Stagehand werden: Ein Inter­view mit Lea Mellentin 


Glossar

[1] Impostor-Syndrom = (Hochstapler-Phänomen) beschreibt das tief sitzende Gefühl, den eigenen Erfolg nicht verdient zu haben. Betroffene halten sich trotz objektiver Leistungen für unbegabt und befürchten ständig, als „Betrüger“ enttarnt zu werden. Es ist keine Krankheit, sondern ein weit verbreitetes psychologisches Phänomen.

Es folgt eine persönliche Erfolgsabwertung: Erfolge werden auf Glück, Zufall oder die Hilfe anderer geschoben, während Misserfolge auf eigene Inkompetenz zurückgeführt werden. Dabei entsteht eine Angst “aufzufliegen”: Ständige innere Anspannung, da man glaubt, andere zu täuschen. (Quelle: Barmer – Impostor-Syndrom: Bin ich ein Hochstapler? 


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Jörg Kirschhttp://www.kirsch-veranstaltungstechnik.de
Jörg Kirsch studierte ab 1981 Elektrotechnik in Kaiserslautern. An der Universität leitete er zwei Jahre lang das Kulturreferat und startete parallel dazu seine Firma für Veranstaltungstechnik mit eigener Ingenieur- und Entwicklungsabteilung. Auf sein Konto gehen weit mehr als 10.000 persönlich betreute Veranstaltungen, unter anderem die Realisation eines Bon-Jovi Konzertes zusammen mit Jet-West. Als gefragter Partner für Eventberatung ist er für mehrere Firmen tätig, u.a. als Bühnenmeister für das Kulturreferat Kaiserslautern. Mit seiner Firma betreut er mehrere Eventlocations, entwickelt spannende Veranstaltungsformate und bietet Ausbildungen im Veranstaltungsbereich. Persönlich liegt ihm der Support und die Entwicklung junger Künstler am Herzen. Mit Begeisterung engagiert er sich in mehreren Netzwerken, um auch hier die regionale Kulturszene zu fördern.
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