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Freitag, März 5, 2021
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    Start Technik 3. Bühnentechnik Die Spannungsversorgung auf der Bühne 2/2

    Die Spannungsversorgung auf der Bühne 2/2

    Die Lichtinstallationen sind ein gieriger Stromfresser / © Daria Dyachenko for Unsplash

    Nachdem wir in Teil-1 die wichtigsten Zusammenhänge und Grundlagen der Netzversorgung kennengelernt haben, geht’s heute um die Analyse und Behebung der häufigsten Fehler – also Fehler, die einem die Veranstaltung so richtig vermiesen können.

    Im Folgenden möchten wir die denkbaren Probleme nach diesem Schema abarbeiten:
    Problem → Folge → Lösung

    • Problem: Neutralleiter und Außenleiter sind in der Verteilung vertauscht!
      – Folge: Am Verbraucher kommen anstelle von 230V saftige 400V an. Das bedeutet so gut wie immer den kompletten Geräteausfall.
      – Lösung: Immer vor Geräteanschluß die Netzversorgung durchmessen. Sinnvoll ist zusätzlich eine Spannungsüberwachung mit automatischem “Lastabwurf”  (kostet jedoch ein bißchen was …)
    • Problem: Nullleiter fehlt oder macht schlechten Kontakt.
      – Folge: die komplette Phasengeometrie  ist gestört, am Verbraucher können je nach Außenleiterbelastung zwischen bis 0V bis 400V  ankommen. Wieder Geräteausfall durch Überspannungsschäden.
      -Lösung: Wie oben.
      ACHTUNG: Wenn Ihr euch irgendwo ein CE-3-Phasen Verlängerungskabel leiht, messt dieses unbedingt durch, ob alle 5 Kontakte richtig belegt sind. Bei vielen Maschinen ist der Kabelsatz nur 4-adrig, der Nulleiter fehlt (Bauernstrom). Und schon haben wir das Problem der fehlenden Nullleiters.
    • Problem: ein Außenleiter ist spannungsfrei.
      – Folge: die angeschlossenen Geräte auch.
      – Lösung: Stromversorgung und Sicherungen prüfen , gegebenenfalls umstecken (das geht z.B. bei 3-phasig angeschlossenen Dimmern schlecht).
    • Problem: Unterspannung allgemein.
      – Folge: einige Geräte streiken oder schalten ab (merkt man oft bei Keyboards), konventionelle Endstufen bringen nicht mehr die volle Leistung.
      – Lösung: Entweder ist die Zuleitung zu lang und/oder zu dünn. Dann fällt ein Teil der Spannung auf den Leitungen ab und erreicht Eure Geräte nicht mehr . Daher sind dickere und kürzere Leitungen besser sowie nähere und/oder mehrere Anschlußorte. Für kleinere Verbraucher wie z.B die Keybords kann sich auch die Anschaffung einer USV (= Unterbrechungsfreie, akkugepufferte Stromversorgung, wie man sie auch aus sensiblen Medizinalbereichen oder als PC-Puffer kennt) oder eines Spannungskonstanters  rentieren. Dieser regulieren bei wechselnden Eingangsspannungen von 150 – 250V automatisch auf 230V. Es rentiert sich immer, die direkt an den Geräten anliegende Spannung zu kontrollieren (Multimeter oder Spannungsmesser), auch unter “Arbeitsbedingungen”, also wenn die gesamte Bühne “spielt”.
    • Problem: Zuleitungen oder Stecker werden heiß oder brennen ab.
      – Folge: Musik aus und vielleicht noch zusätzlich ein kleiner Feuerlöschertest.
      – Lösung: Die Leitungen/Stecker sind zu dünn für den fließenden Strom, außerdem ist wohl auch der Leitungsschutz (Sicherung)  überdimensioniert. Daher nehmt Ihr besser dickere Kabel oder verteilt die Gesamtlast auf mehrere Kabel. Faustregel: für nicht gebündelte freiliegenden Leitungen kann man einen Strom von 10 A/mm²  zulassen.
    • Problem: Der PE (Schutzleiter) fehlt.
      – Folge: bei Verdrahtungs- oder Isolationsfehlern kann der Strom über Euch (als Ersatz-Erdleiter) gegen die Erde abfließen. Das kribbelt nicht nur ordentlich sondern hat auch schon Menschenleben gekostet.
      – Lösung: Spannungsversorgung auf korrekte Erdung nachkontrollieren, alle Bühnenteile und angeschlossenen Geräte gemeinsam auf einen Potentialausgleich (z.B. Erdstab) legen. Unbedingt einen RDC (Fehlerstromschutzschalter, auch bekannt als FI)  mit einem Auslösestrom von 30 mA  in die Zuleitung setzen und auch auf Funktion testen. Dieser RDC ist Eure Lebensversicherung und auch in einer sehr kompakten mobilen Version erhältlich, die man einfach an eine Schukosteckdose anschließen kann.

    Noch ein paar wichtige Tipps zum Schluß:

    Schließt eine Elektronikversicherung für Eure Geräte ab, die auch Spannungsschäden abdeckt und schreibt in Euren Engagement-Vertrag, dass der Veranstalter für Schäden haftet, die durch eine fehlerhafte Stromversorgung entstehen und dass diese den aktuellen DIN / VDE 0100 Vorschriften entsprechen muß.

    Kauft Euch einen anständigen Stromverteiler, der sieht z.B. als 16A /3 phasig CE Schuko so aus: Je anliegender Phase eine Leuchtanzeige oder eine hintergrundbeleuchtete 400V Drehspulanzeige  sowie eine Leuchtanzeige, die anzeigt, ob versehentlich Nullleiter und ein Außenleiter vertauscht  anliegen.

    Vorder- und Rückseite eines typischen Stromverteilers für Bühnen / © Steinigke

    Komfortable Verteiler verfügen je Phase über eine Spannungs-/ Stromanzeige, mindestens einen RDC und je nach Anwendung über die entsprechende Anzahl an Schuko- und CE-Anschlüssen.
    Wer den ganz großen Luxus liebt, der investiert auch noch in eine globale Netzüberwachung mit Datenlogger

    • Wenn Ihr irgendwo spielt, lasst Euch immer den Sicherungskasten zeigen und sorgt dafür, dass Ihr während der Veranstaltung und des Soundchecks immer freien Zugang dazu habt. Falls mit Schmelzsicherungen  (Neozed ) gearbeitet wird, sollten Ersatzsicherungen vorhanden sein.
    • Und noch ein letzter Tipp: Sobald ihr im öffentlichen Bereich auftretet, seid ihr verpflichtet, eure elektrischen Verbraucher der Prüfung ortsveränderlicher elektrischer Betriebsmittel I DGUV V3  zu unterziehen und den Nachweis dafür vorzulegen. Nicht geprüfte Geräte dürfen nicht in Betrieb genommen werden. Das wird in den meisten Locations tatsächlich auch so gehandhabt.

    Soviel für heute. Eure Fragen, Tipps und Erfahrungen platziert gerne unten in den Kommentaren.

    Jörg Kirschhttp://www.kirsch-veranstaltungstechnik.de
    Jörg Kirsch studierte ab 1981 Elektrotechnik in Kaiserslautern. An der Universität leitete er zwei Jahre lang das Kulturreferat und startete parallel dazu seine Firma für Veranstaltungstechnik mit eigener Ingenieur- und Entwicklungsabteilung. Auf sein Konto gehen weit mehr als 10.000 persönlich betreute Veranstaltungen, unter anderem die Realisation eines Bon-Jovi Konzertes zusammen mit Jet-West. Als gefragter Partner für Eventberatung ist er für mehrere Firmen tätig, u.a. als Bühnenmeister für das Kulturreferat Kaiserslautern. Mit seiner Firma betreut er mehrere Eventlocations, entwickelt spannende Veranstaltungsformate und bietet Ausbildungen im Veranstaltungsbereich. Persönlich liegt ihm der Support und die Entwicklung junger Künstler am Herzen. Mit Begeisterung engagiert er sich in mehreren Netzwerken, um auch hier die regionale Kulturszene zu fördern.
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