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    StartTechnik1. TontechnikAcht Jahre Behringer X32 Rack - ein Praxisbericht

    Acht Jahre Behringer X32 Rack – ein Praxisbericht

    Das X32 Rack / © Behringer, Andy C.

    Wer bereits den einen oder anderen meiner Artikel gelesen hat, weiss, dass ich stets bestrebt bin, mit möglichst wenigen Geräten – kompakt aber leistungsfähig – auf Tour zu gehen. Immerhin bin ich mit meinen Bands mehrere tausend Kilometer im Jahr unterwegs, da zählt jedes Gramm. Und wenn man dank der Minimierung des eingesetzten Materials die Setup/Breakdown Zeiten kurz halten kann, trägt das zu einer guten Stimmung in der Band bei.

    Dieser Artikel hat nicht den Anspruch eines Tutorials. Für diesen Zweck gibt es gute Lernvideos auf CD sowie eine gigantische Menge an Clips auf YouTube und anderen Kanälen. In diesem Praxisbericht geht es einzig darum aufzuzeigen, warum und wie wir das Gerät einsetzen.

    Von der grauen Maus zum Bestseller

    2013 erschien das Behringer X32 Rack  auf dem Markt. Belächelt von den Profis, hat es sich inzwischen einen festen Platz auf den Bühnen weltweit erarbeitet. Den frühen Produkten von Behringer haftete dieses Billig-Image an, und sie waren oft reparaturanfällig. Doch das hat sich gewandelt. In den vergangenen acht Jahren hat mich mein erstes X32 Rack  kein einziges Mal im Stich gelassen.

    Und da ich lieber Musik mache als Kisten zu schleppen, habe ich mir im letzten Jahr ein zweites X32 Rack  zugelegt, das im Vergleich zu meiner Erstanschaffung nur noch rund die Hälfte kostete. Nun wartet Rack Nummer 1 im Bandbus auf seinen nächsten Bühneneinsatz, während Rack Nr. 2 rund um die Uhr betriebsbereit im Proberaum steht: Einschalten, loslegen.

    Firmware Updates erweitern das Funktionspektrum

    Dank der regelmäßigen Firmware Updates  bleibt das X32 stets aktuell. So kamen im Lauf der Zeit ein Realtime Analyzer , die Automix Funktion  und viele andere nützliche Features hinzu. Beim Kauf eines Analog-Mixers wäre so etwas früher undenkbar gewesen. Da ging sowas nur mit (teurer) Aufrüstung der Hardware.

    Geräte-Synchronisation einfach gemacht

    Zur Synchronisation meiner beiden X32 Racks genügt ein USB Stick an meinem Schlüsselbund und die Befehlsfolge BACKUP > EXPORT (bzw. RESTORE ) im SETUP/GLOBAL Menü . Das ist nicht nur eine enorme Arbeitserleichterung, wenn man seinen eigenen Mix auf der X32 Konsole eines fremden Clubs fahren will. Es ist auch sehr praktisch, um damit schnell und problemlos zwischen den komplexen Einstellungen verschiedener Bands wechseln zu können.

    Sehr nützlich: Die Backup Befehle EXPORT/RESTORE im SETUP/GLOBAL Menü / © Chris Hinz

    Und natürlich wird stets eine Datensicherung empfohlen, bevor man einen neuen Firmware Release aufspielt (obgleich ich in diesem Punkt wirklich noch nie Probleme hatte).

    Warum die Rack Version?

    Das X32 Rack ist gewissermaßen Stagebox  und Mixer  in einem. Mit drei Höheneinheiten nimmt es nicht mehr Platz im Rack ein als eine Digital Snake . Es verfügt über alle (!) elektronischen Funktionen einer voll ausgestatten X32 Konsole.

    Doch hat es dabei 16 balanced XLR Inputs, 6 unbalanced AUX-Eingangskanäle, 8 balanced XLR Outputs  und 6 unbalanced AUX Ausgänge , was aber für die meisten Bands vollkommen ausreichen dürfte. Wem das zu wenig ist, der kann mit Anschluss der optional erhältlichen digitalen Stagebox S16  die Zahl der physischen Ein- und Ausgänge verdoppeln.

    Arbeiten wie mit einer richtigen Konsole?

    Eine meiner Bands hat einen eigenen Toningenieur. Der liebt es, bei Bedarf in die Fader greifen zu können. Er arbeitet mit der Konsole eines anderen Herstellers, die wir mittels zweier Behringer 8-Kanal Splitboxen  mit allen relevanten Signalen versorgen.

    Wie macht man das beim X32 Rack, das ja bekanntlich über keine Fader verfügt? Das X32 Rack lässt sich über das auf der Gerätevorderseite befindliche Display, die Buttons und Drehregler steuern (was man aber nur in den seltensten Fallen machen wird). Oder mit den Apps des Herstellers und anderer Anbieter auf Tablets und Laptops, wobei ich die Laptop Variante bevorzuge.

    Das Convertible Notebook mit Touchscreen und X32-PC-Programm / © Chris Hinz

    Nicht nur, weil ich dort mit einem deutlich größeren Bildschirm arbeiten und mir wesentlich mehr Informationen anzeigen lassen kann: Mehr noch: Mein Laptop ist ein sogenanntes Convertible  mit Touchscreen. Der Bildschirm wird gedreht und auf der Tastatur abgelegt. Die Touchscreen Funktionalität erlaubt den Direktzugriff auf die einzelnen Fader wie bei einer klassischen Konsole. Nur ist das Ganze eben viel kompakter, leichter und transportfreundlicher. Und nach dem Konzert verwandelt sich dieses Convertible in ein vollwertiges DAW Studio.

    Separater Router

    Dass das Gerät keinen eingebauten Router hat, muss kein Nachteil sein. Man kann es über die Ethernet-Buchse  und ein CAT5E Kabel  direkt mit einem Laptop betreiben. Doch spätestens dann, wenn die Musiker den Mix ihrer Headsets für das In Ear Monitoring selbst fahren wollen und dazu ihre Tablets oder Smarthones verwenden, muss ein WiFi-Router her.

    Im Proberaum verwenden wir dazu einem alten ausrangierten Router aus dem Heimbereich, auf der Bühne (nicht zuletzt wegen der größeren Reichweite) haben wir uns für einen Rack Router mit einer HE  entschieden: Deckel des Flightcases abnehmen, Instrumente und Mikros anschließen, einschalten, loslegen.

    Der Expansion Card Slot

    Auf der Rückseite aller Geräte der X32 Serie befindet sich ein Schacht zur Aufnahme sogenannter Erweiterungskarten. Ab Werk wird eine Karte mit USB Schnittstelle mitgeliefert, die dazu genutzt werden kann, auf einem angeschlossenen PC oder Laptop bis zu 32 Spuren im Echtzeit aufzunehmen und wiederzugeben.

    Da dies aber detaillierte Kenntnisse der zur Aufnahme benötigten PC Treiber und DAW Programme voraussetzt, bietet Behringer seit ein paar Jahren die sogenannte X-LIVE Expansion Card an – aus meiner Sicht ein unbedingtes Muss für jeden X32 Betreiber.

    Die X-LIVE-Card für einen Konzertmitschnitt in CD-Qualität / © Chris Hinz

    Auf Knopfdruck können nämlich auf zwei 32 GB RAM Speicherkarten wahlweise 8, 16 oder 32 Spuren in CD Qualität aufgenommen und wiedergegeben werden. Wobei die Zahl der Spuren die Aufnahmekapazität der SD RAM Cards bestimmt. Zur Orientierung: Bei einer 16 Spur Aufnahme passen jeweils etwas mehr als 3 Stunden im WAV Format auf jede der beiden Karten.

    Post Processing Whereever You Go

    Früher habe ich nach dem Konzert immer das Flightcase mit dem X32 Rack in’s Hotelzimmer oder nach Hause mitgenommen, um dort in aller Ruhe den Konzertmitschnitt auf dem X32 Rack abmischen zu können. Heutzutage entnehme ich die bespielte SD RAM Card, lese sie in mein Convertible ein und kann dann mit der Hilfe der DAW Reaper (www.reaper.fm) wirklich überall – auch ohne Stromanschluss – in aller Ruhe am Mix tüfteln.

    Virtueller Soundcheck

    Euer X32 Rack verfügt über die X-LVE Card  und ihr habt das letzte Konzert damit aufgenommen? Perfekt, dann steht einem virtuellen Soundcheck nichts mehr im Weg. Im AUTOMATIC Modus  liegen nämlich alle zuvor aufgenommen Signale an den entsprechenden Eingangskanälen an. Nach dem Drücken der PLAY Taste des Recorders kann man dann die komplette Band schon mal 1-zu-1 über die Anlage schicken, auch wenn die Musiker vielleicht noch im Stau stehen …

    Dieser virtuelle Soundcheck erlaubt Eurem Toningenieur die Einstellungen an die Raumakustik anzupassen, ohne dass die Band dazu physisch präsent sein muss.

    Unser Proberaum Setup

    Im Proberaum verwenden wir ein X32 Rack in Kombination mit einem 8 Kanal Stereo Kopfhörer Verstärker. Fertig verkabelt passen beide Geräte zusammen in ein 4 HE Double Door Flightcase.

    Das Proberaum Setup mit X32 Rack und 8-Kanal-Stereo-Headphone-Amp / © Chris Hinz

    Den Router aus heimischem Bestand stellen wir oben drauf. Für den Anschluss der IEM Sets liegen Kabel an den einzelnen Plätzen der Musiker, zum Aussteuern ihres persönlichen IEM Mix verwenden sie ihre selbst mitgebrachten Tablets und/oder Smartphones.

    Ähnlich wie auf der Bühne schließen die Musiker ihre Instrumente unter Verwendung von DI Boxen selbst an das X32 Rack an. Für den Anschluss seiner Signalquellen ist bei uns jeder Musiker selbst verantwortlich – dazu klebt der aktuelle Kanalbelegungsplan der jeweiligen Band auf dem Rackdeckel.

    So weiß jedes Bandmitglied sofort, welchen Eingang er/sie bestücken muss. / © Chris Hinz

    Warum ich diesen Punkt so betone? Erstens entlastet es jenen Bandkollegen, der sich um das X32 Rack kümmert. Und zweitens entwickeln die einzelnen Bandmitglieder auf diese Weise das Gefühl, für ihr Signal vom Usprung bis zur Stagebox bzw. dem X32 Rack verantwortlich zu sein. Das beinhaltet auch, alle Kabel und sonstigen Verbindungen gut in Schuss zu halten und immer Ersatz mitzuführen. Das funktioniert, probiert’s aus.

    Unser Bühnen Setup

    All unsere für’s Konzert benötigten Geräte sind in lediglich drei Double Door Flight Cases mit jeweils 4 HE untergebracht. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich diese Kombinationen mit durchschnittlich 22 kg Einzelgewicht noch gut tragen lassen und man keinerlei Hilfsmittel wie Sackkarre oder Rollwagen für den Weg zur Bühne benötigt.

    Die Bühnenkonfiguration mit den 3 Cases / © Chris Hinz

    • Links:
    • .
    • – IEM Stereo Transmitter Nr. 7 und 8 (falls mit Backing Vocals on Tour)
      – Wireless Mike Receiver (für Talkback oder Ansagen des Veranstalters)
      – Zwei 8-Kanal Splitboxen mit 4 Snakes und je 8 Anschlüssen
    • .
    • Mitte:
    • .
    • – X32 Rack mit X-LIVE Expansion Card
      – WiFi Stage Router für Betrieb im 2.4 und 5 GHz Netz
    • .
    • Rechts:
    • .
    • – IEM Stereo Transmitter Nr. 1 bis 6 (für die kleine Besetzung)

    Der Nachteil dieser Konfiguration: Alle drei Einheiten müssen auf der Bühne miteinander verkabelt werden. Der Vorteil: Man kann auch einzelne Komponenten mit auf’s Hotelzimmer oder nach Hause nehmen, um sie z.B. durchzuchecken oder für den nächsten Gig mit einer ganz anderen Band zu konfigurieren.

    Profis werden über den letztgenannten Punkt schmunzeln, denn sie kriegen das auch stand-alone mit der X32 Edit Software auf ihrem Laptop hin, ohne jemals ein X32 Rack oder eine X32 Konsole sehen zu müssen.

    Zusammenspiel mit einer externen Konsole

    Wie bereits erwähnt, kommen die Splitboxen immer dann zum Einsatz, wenn wir uns nicht selbst abmischen, sondern der FOH Mix vom Club-Techniker auf seiner eigenen Konsole gefahren wird. Dann müssen wir uns die Signale teilen: Die 2 x 8 XLR Stecker umfassende Peitschen vom Direkt Link gehen dann zur Stagebox der FOH Konsole und die hinter den Übertragern abgegriffenen 2 x 8 Signale zu unserem X32 Rack.

    Wichtig: Für die Phantomspannung von Condenser Mikes  ist jenes Mischpult verantwortlich, das über den Direct Link mit der Splitbox verbunden ist (in der Regel die FOH Konsole). Dieses Setup hat sich bei unseren Touren quer durch Deutschland bewährt – es ist absolut stage-proof und narrensicher.

    Zwei Mixer in einem – der X32 Split Modus

    Die Geräte der X32 Serie erlauben es, die physischen balanced Eingänge nicht nur einem, sondern zwei völlig unabhängigen Kanälen zuzuordnen. Bei dieser Art von Split Mode geht dann das Signal von XLR Eingang Nr. 1 sowohl zu Kanal 1 als auch zu Kanal 17. Eingang Nr. 2 ist verbunden mit Kanal 2 als auch mit Kanal 18 und so weiter.

    Trick: Bei Splitboxen den Link Taster mit einem Gummiring oder ähnlichem vor versehentlichem Aktivieren schützen / © Chris Hinz

    Die Kanäle 1 bis 16 und die Effekt Slots 1 bis 3 sind dem FOH Mix vorbehalten, Kanäle 17 bis 32 und Effekt Nr. 4 verwenden wir für den IEM Mix. Genauso gut könnte man die Kanäle 17 bis 32 aber auch für einen vom FOH Mix völlig unabhängigen Streaming / Broadcasting Mix verwenden.

    Das war während des Lockdowns für viele im Netz übertragene Konzerte und Gottesdienste von Bedeutung. Auch in kleinen Clubs, wo es selten viel Platz gibt, eine große Konsole im Raum aufzubauen, ist das die perfekte Lösung.

    Bis zu zwölf einzeln mischbare Monitorwege

    Wo wir schon mal beim Routing sind: Es ist beeindruckend, wie einfach sich Ein- und Ausgänge konfigurieren lassen. Im Normalbetrieb füttert unser X32 Rack sechs Stereo (!) In Ear Monitor Systeme plus die PA. Wenn die Backing Vocals mit auf Tour sind, kommen noch zwei Mono IEM Wege dazu.

    So etwas wäre zu Zeiten analoger Konsolen nur mit einem immensen Materialaufwand möglich gewesen. Und auch hier gilt: Jeder Musiker kümmert sich per Tablet oder Smartphone selbst um seinen Monitor Mix. Das ist extrem entspannend die Kollegen*innen, die für den FOH Sound verantwortlich ist.

    Fazit: Großes Programm für kleines Geld

    Auch mehr als 8 Jahre nach seinem Markteintritt hat das X32 Rack nichts an Aktualität verloren. Dank der flexiblen Architektur und der regelmäßigen Firmware Updates lassen sich mit dem X32 Rack auch komplexe Herausforderungen meistern.

    Inzwischen ist das Gerät preislich so attraktiv geworden, dass sich als Band nicht die Frage stellt, ob, sondern nur noch wann ein solches Gerät angeschafft werden sollte. Hilfe bei Fragen erhält man in bei der X32 Community und bei den unzähligen User Groups in den sozialen Medien.

    Welche Erfahrungen habt Ihr mit dem X32 Rack gemacht? Schreibt´s mir unten in die Kommentare …

    Chris Hinz
    Chris Hinz verfügt über eine 6-jährige klassische Ausbildung am Piano und eine 3-jährige Ausbildung an der Sakralorgel. Er ist seit mehreren Jahrzehnten in der Musikszene Rhein Main aktiv und aktuell mit zwei Coverbands und einem Smooth Jazz Duo unterwegs. Chris Hinz ist freiberuflicher Unternehmensberater und war lange Zeit für ein namhaftes IT Unternehmen tätig.

    2 KOMMENTARE

    1. John Tom McMuffin – Admin von der FB-Gruppe “Midas M32, Behringer X32 & Behringer WING DEUTSCH” hat deinen Beitrag auf FB kommentiert: “in einigen Punkten muss ich dem herrn Hinz widersprechen und hie und da ist er etwas “ungenau”. btw: ich hoffe nicht, dass er tatsächlich diese 6 Billigkeimer LD-Funken so mit den einzelAntennen betreibt. da muss – wenn man es richtig machen will, ein Combiner, bzw bei 6 IEMs schon 2 Combiner rein – mal abgesehen davon, dass man Billigheimer LD eh nicht empfehlen kann, vor allem, wenn man Mehrkanalanlagen nutzt.”

    2. Chris Hinz hat geantwortet: “Klar dass die Profis aufheulen, wenn ich keinen Combiner verwende oder im Low Budget Bereich unterwegs bin. Nicht jeder hat das Geld, sich sofort eine Profianlage zu leisten – auch das Equipment von Adam Hall und Co. hat seine Daseinsberechtigung.

      Fakt ist, dass wir bereits seit drei Jahren mit dieser Kombination auf Tour sind und damit gut klarkommen. Es ist ja ein Praxisbericht und kein Influencer Podcast. Für mich muss es nicht immer das teuerste Gerät sein. Die Diskussion kenne ich, seitdem ich Musik mache („…nur eine B3 klingt wie eine Hammond“): Die wird nie enden, aber für mich ist das völlig in Ordnung.

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