© Nicola Buckenmaier
Dazu eine Kurzbiografie: Dr. Nicola Buckenmaier ist eine professionelle Klarinettistin und ausgebildete Instrumentalpädagogin, promovierte Musiksoziologin und Kulturmanagerin. Sie ist Gründerin von Artist360° , das sich zur Aufgabe gemacht hat, Musiker*innen zu beruflicher Selbstführung & Karriereentwicklung zu beraten. Berufliche Erfahrung sammelte sie sowohl in renommierten Kulturinstitutionen als auch in der Wirtschaft. Zudem ist sie Mitgründerin und CFO eines Beratungsunternehmens im Bereich Luft- und Raumfahrt, Sicherheit und Verteidigung.
Mit Artist360° verbindet sie diese unterschiedlichen Perspektiven: Sie berät und begleitet professionelle Musiker*innen dabei, ihre berufliche Situation zu verstehen, tragfähige Entscheidungen zu treffen und ihren eigenen Karriereweg aktiv zu gestalten. Doch nun zum Beitrag:
Wie bist du eigentlich hier gelandet? – Wie aus vielen guten Entscheidungen eine Karriere entsteht, die du so vielleicht nie geplant hast.
Hast du dich eigentlich bewusst für genau das Berufsleben entschieden, das du gerade führst? Nicht für deinen Beruf. Nicht dafür, Musiker*in, Tontechniker*in oder Veranstalter*in zu werden. Sondern für genau diese Mischung: deine Aufgaben, Auftraggeber, Arbeitszeiten, dein Einkommen, deine Verantwortung – und für das, wofür daneben kaum noch Zeit bleibt.
Vermutlich hast du viele der Entscheidungen, die dich hierhergebracht haben, bewusst getroffen. Eine Musikerin übernimmt nach dem Studium einen Lehrauftrag. Er macht ihr Spaß und bringt ein verlässliches Einkommen. Eine Kollegin fragt sie für ein Ensemble an, weitere Projekte folgen. Einige Jahre später unterrichtet sie drei Tage pro Woche, spielt in verschiedenen Formationen und organisiert eine Konzertreihe.
Ein Veranstaltungstechniker spezialisiert sich, wird weiterempfohlen und für immer größere Produktionen gebucht. Sein Tagessatz steigt, ebenso seine Verantwortung – und die Zahl der Tage, die er unterwegs ist. Eine Veranstalterin startet mit einer eigenen Festivalidee. Das Publikum wächst, Sponsoren kommen hinzu, Mitarbeitende werden eingestellt. Aus dem Herzensprojekt wird ein Unternehmen, das geführt werden muss.
Vielleicht würden alle drei heute sagen: Genau so wollte ich es. Doch vielleicht auch nicht. Denn hier liegt ein interessantes Paradox: Eine Karriere entsteht häufig nicht durch die eine große Entscheidung, sondern aus vielen einzelnen, vernünftigen Entscheidungen. Aber was einzeln sinnvoll war, muss in seiner Summe nicht automatisch das Berufsleben ergeben, das heute zu Dir passt.
Karriere planen? Lieber nicht
Die Konsequenz daraus ist nicht, das Berufsleben möglichst weit im Voraus durchzuplanen. Gerade in der Musik- und Veranstaltungsbranche wäre das nicht nur unrealistisch, sondern auch schade. Chancen entstehen unerwartet. Menschen öffnen Türen. Interessen verändern sich. Fähigkeiten entwickeln sich. Manches, das ursprünglich als Zwischenlösung gedacht war, entpuppt sich als Berufung – und manches vermeintliche Traumziel verliert unterwegs seinen Reiz. Eine Karriere soll sich entwickeln dürfen.
Die entscheidende Frage ist nur, ob du von Zeit zu Zeit überprüfst, was sich da eigentlich entwickelt. Genau hier beginnt für mich berufliche Selbstführung. Nicht mit einem Fünfjahresplan, sondern mit der Fähigkeit, gelegentlich aus dem täglichen Funktionieren herauszutreten und zu fragen: Wenn ich weitermache wie bisher – wo führt mich das hin?
Mach´ die Probe
Stell dir dein Berufsleben in drei Jahren vor, wenn du weiterhin ähnliche Entscheidungen triffst wie heute. Welche Tätigkeiten bestimmen dann deine Woche? Womit verdienst du überwiegend dein Geld? Arbeitest du hauptsächlich künstlerisch oder technisch? Unterrichtest, organisierst oder führst du? Für welche eigenen Projekte bleibt Zeit? Und was wird vermutlich weiterhin auf „später“ verschoben?
Nehmen wir die Musikerin: Sie unterrichtet heute drei Tage pro Woche, die Nachfrage wächst, während eigene Projekte regelmäßig warten müssen. Wenn sie weiterhin ähnlich entscheidet, wird daraus mit einiger Wahrscheinlichkeit mehr Unterricht und nicht mehr Zeit für eigene Projekte. Das kann genau richtig sein. Entscheidend ist, dass sie es sieht.
Denn berufliche Selbstführung bedeutet nicht zwangsläufig, etwas zu verändern. Sie bedeutet zunächst, zu erkennen, welche Zukunft die heutigen Entscheidungen wahrscheinlicher machen. Um dann bewusst zu entscheiden, ob man diese Richtung weitergehen möchte.
Und wenn die Antwort Nein lautet?
Dann wird es interessant. Unsere Musikerin entscheidet: Ich möchte wieder mehr spielen. Kurz darauf bekommt sie ein attraktives Konzertprojekt angeboten. Also zusagen? Nicht unbedingt. Denn jetzt taucht eine ganz andere Frage auf:
Woran erkenne ich eigentlich, ob eine berufliche Möglichkeit eine gute Karriereentscheidung ist?
Am Honorar? Am künstlerischen Anspruch? Am Namen des Veranstalters? An möglichen Folgeaufträgen? Daran, wie viel Freude sie macht? Oder daran, wohin sie langfristig führt?Die unbequeme Antwort lautet: Keine dieser Kriterien reicht aus. Und manchmal kann sogar die berufliche Möglichkeit, die auf dem Papier am besten aussieht, für Dich die falsche sein.
Warum? Darum geht es im zweiten Teil …
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