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Dienstag, Juli 14, 2026
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Tourlife oder Heimspiel? Zwei Seiten derselben Medaille

Kiss – Eine Produktion mit örtlichem Team © Geisterfamilie

Die Veranstaltungsbranche hat die interessante Eigenschaft, dass man theoretisch den gleichen Beruf ausüben und trotzdem ein vollkommen anderes Leben führen kann. Ich kann morgens in eine Halle fahren, die ich wie meine eigene Westentasche kenne, mit Menschen arbeiten, die ich seit Jahren kenne, und abends in meinem eigenen Bett schlafen. Oder ich steige in einen Nightliner, wache am nächsten Morgen in einer anderen Stadt auf und muss beim Aussteigen erstmal überlegen, wo ich eigentlich bin …

Beides ist die Veranstaltungsbranche. Und beides hat seinen ganz eigenen Reiz. Ich arbeite seit vielen Jahren im örtlichen Geschäft und begleite gleichzeitig immer wieder Tourneen. Dabei werde ich immer wieder gefragt, was mir besser gefällt. Und ganz ehrlich? Ich möchte mich gar nicht entscheiden.

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Denn so ähnlich manche Aufgaben auf den ersten Blick auch sein mögen, so unterschiedlich sind der Arbeitsalltag, die Menschen und vor allem das Leben drumherum. Touring bedeutet für mich, für eine bestimmte Zeit komplett in eine andere Welt einzutauchen. Das normale Privatleben läuft währenddessen irgendwo weiter, aber man selbst ist nur noch bedingt ein Teil davon. Im örtlichen Geschäft dagegen kann ein Produktionstag genauso intensiv und lang sein, aber irgendwann fahre ich nach Hause. Und am nächsten Morgen beginnt wieder mein normaler Alltag.

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Beides hat Vorteile. Und beides hat Momente, in denen ich mir genau das andere wünsche. Dieser Beitrag ist deshalb kein Plädoyer für Touring und auch keiner für das örtliche Geschäft. Es ist eher ein Blick auf zwei Seiten einer Branche, die sich manchmal sehr ähnlich sehen und sich gleichzeitig vollkommen unterschiedlich anfühlen.

Gleicher Job, völlig anderes Leben

beides hat seinen ganz eigenen Rei

Auf den ersten Blick liegen Touring und örtliches Geschäft gar nicht so weit auseinander. Am Ende geht es um Veranstaltungen, um Produktionen, um Menschen, Zeitpläne und meistens um die eine oder andere Herausforderung, die vorher nicht eingeplant war. Und trotzdem fühlt sich die Arbeit vollkommen unterschiedlich an.

Vielleicht lässt es sich am einfachsten so beschreiben:
Auf Tour bleibt die Produktion und der Ort wechselt,
im örtlichen Geschäft bleibt der Ort und die Produktion wechselt

Wenn ich örtlich arbeite, kenne ich viele Venues wie meine eigene Westentasche. Ich weiß, wo die Trucks stehen können, welche Zufahrt problematisch ist, wo noch irgendwo ein zusätzlicher Raum versteckt ist und wen ich anrufen muss, wenn kurzfristig etwas benötigt wird. Häufig kenne ich auch einen großen Teil des örtlichen Teams seit Jahren. Die Tournee kommt an, bleibt einen Tag und fährt wieder. Am nächsten Morgen steht möglicherweise schon die nächste Produktion vor der Tür.

Links: Örtliche Produktion mit Elton John / Rechts: On Tour mit Toto © Geisterfamilie

Links: Örtliche Produktion mit Elton John / Rechts: On Tour mit Toto © Geisterfamilie

Auf Tour ist es genau andersherum. Die Menschen bleiben. Die Produktion bleibt. Die Show bleibt. Dafür verändert sich jeden Tag die Umgebung. Heute eine Arena, morgen ein Stadion, übermorgen vielleicht ein Off Day und danach eine Venue, in der man noch nie war.

Gerade am Anfang einer Tournee muss sich vieles erst einspielen. Abläufe werden angepasst, Wege optimiert und irgendwann weiß jeder ziemlich genau, was wann passiert. Gleichzeitig beginnt die Orientierung an jedem neuen Ort wieder von vorne. Wo ist das Produktionsbüro? Wie funktioniert die Zufahrt? Wo können wir Leercases lagern? Welche Besonderheiten gibt es in dieser Venue?

Das Spannende daran ist:
dass beide Seiten auf vollkommen unterschiedliche Weise Routine entwickeln

Im örtlichen Geschäft entsteht Routine durch den Ort. Man kennt die Gegebenheiten und kann sich dadurch stärker auf die jeweilige Produktion konzentrieren. Auf Tour entsteht Routine durch die Produktion. Die Umgebung verändert sich, aber die Menschen und Abläufe werden mit jedem Showtag vertrauter. Ich mag beides.

Örtlich genieße ich es, Gastgeberin zu sein und einer Tournee möglichst gute Voraussetzungen für ihren Veranstaltungstag zu schaffen. Auf Tour genieße ich es dagegen, Teil genau dieser kleinen Welt zu werden, die für einige Tage oder Wochen gemeinsam von Stadt zu Stadt reist. Und spätestens nach ein paar Tagen merkt man, dass Touring nicht einfach nur eine andere Form des Arbeitens ist. Es ist für diese Zeit auch eine andere Form des Lebens.

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Das eigene Bett oder ein Zuhause auf Rädern

Ich schlafe schon gerne in meinem eigenen Bett. Wahrscheinlich keine besonders überraschende Erkenntnis. Wenn ich örtlich arbeite, kann ein Produktionstag sehr lang sein. Trotzdem fahre ich irgendwann nach Hause. Ich schlafe in meinem eigenen Bett, habe morgens meine eigenen Sachen um mich herum und muss nicht überlegen, in welcher Tasche sich das Ladekabel befindet, das ich seit drei Tagen suche.

Dafür hat das örtliche Geschäft einen entscheidenden Nachteil: Ich muss eben auch nach Hause fahren. Nach einem langen Produktionstag können selbst 30 Minuten Autofahrt sehr lange sein. Und während ich nach einer Show noch im Auto sitze, liegt die Tourcrew im besten Fall längst im Nightliner und fährt schlafend in die nächste Stadt.

Links: ungewöhnliche Location – Circus Krone / Rechts: Auf Tour mit The Analogues © Geisterfamilie

Links: ungewöhnliche Location – Circus Krone / Rechts: Auf Tour mit The Analogues © Geisterfamilie

Das ist einer der Punkte, die ich am Tourleben tatsächlich sehr angenehm finde. Der Nightliner ist Hotel und Transportmittel gleichzeitig. Ich gehe nach der Show ins Bett und wache am nächsten Morgen dort auf, wo ich arbeiten muss. Kein Arbeitsweg. Kein Kofferpacken für jede einzelne Stadt. Und wenn man sich einmal eingerichtet hat, wird selbst eine kleine Koje relativ schnell zu einem temporären Zuhause.

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Natürlich klingt das romantischer, als es manchmal ist. Man teilt sich für Wochen sehr wenig Raum mit vielen Menschen. Privatsphäre findet auf wenigen Quadratmetern statt und je nach Tournee, Bus und Mitreisenden kann Schlaf auch ein sehr relatives Konzept sein. Hotels bieten mehr Platz, dafür bedeutet jeder Reisetag wieder Koffer packen, auschecken, weiterfahren, einchecken und irgendwann feststellen, dass man inzwischen recht gut darin geworden ist, aus einer Tasche zu leben …

Im örtlichen Geschäft bleibt mein Zuhause tatsächlich mein Zuhause.
Ich kann nach einem langen Tag die Tür hinter mir schließen und bin –
wieder in meinem Privatleben.

Zumindest theoretisch. Denn auch örtliche Produktionen halten sich nicht immer an die klassischen Arbeitszeiten. Wer nachts um Zwei nach Hause kommt und am nächsten Morgen wieder früh im Büro sitzt, hat zwar im eigenen Bett geschlafen, aber deshalb noch lange keinen entspannten Alltag. Der Unterschied liegt deshalb weniger darin, wo man besser schläft. Auf Tour wird das Unterwegssein für eine gewisse Zeit zum Alltag. Man akzeptiert, dass das eigene Leben zuhause weiterläuft, während man selbst in einer anderen Welt unterwegs ist.

Im örtlichen Geschäft versucht man dagegen, beides gleichzeitig zu haben: intensive Produktionstage und das normale Privatleben drumherum. Und manchmal weiß ich ehrlich gesagt gar nicht, welche Variante davon einfacher ist.

Off Day ist nicht gleich Off Day

Off Days auf Tour haben etwas Eigenartiges: Man ist zwar frei – bis auf die obligatorischen Mails – aber eben nicht zuhause. Je nachdem, wo man gerade ist, kann das ziemlich abgefahren sein. Du wachst morgens in einer Stadt auf, für die andere Menschen Urlaub buchen, hast plötzlich einen ganzen Tag Zeit und kannst einfach losziehen. Sightseeing, gutes Essen, durch eine fremde Stadt laufen oder auch einfach mal gar nichts tun. Gerade auf Tourneen durch verschiedene große und kleine Städte habe ich Orte gesehen, die ich sonst wahrscheinlich nie besucht hätte.

Und selbst wenn man eine Stadt schon kennt, fühlt sie sich auf Tour oft anders an. Man ist nicht für einen klassischen Städtetrip dort, hat keine Liste mit zehn Sehenswürdigkeiten, die unbedingt abgearbeitet werden müssen, und meistens auch keinen richtigen Plan. Man schaut einfach, was der Tag bringt.

Das kann sich auch mal nach Urlaub anfühlen. Bis einem irgendwann auffällt, dass das eigene Privatleben trotzdem mehrere hundert Kilometer entfernt stattfindet. Ein Off Day auf Tour ist eben kein freier Tag zuhause. Ich kann nicht mal eben zum Sport gehen oder die Dinge erledigen, die während meiner Abwesenheit liegen geblieben sind. Das normale Leben hat Pause. Zumindest für mich.

Links: Auf Tour – große Stadionproduktion / Rechts: „Baustellenromantik“ © Geisterfamilie

Links: Auf Tour – große Stadionproduktion / Rechts: „Baustellenromantik“ © Geisterfamilie

Und genau deshalb können Off Days auf Tour manchmal auch recht seltsam sein. Nach mehreren intensiven Produktionstagen freut man sich auf einen freien Tag und stellt dann fest, dass man eigentlich gar nichts machen möchte. Man ist in einer spannenden Stadt und verbringt trotzdem den halben Tag im Hotelzimmer, weil der eigene Körper gerade weniger Interesse an Sightseeing als an Schlaf und Ruhe hat. Zudem genießt man die Zeit alleine, um die eigene soziale Batterie ein wenig aufzutanken.

Im örtlichen Geschäft sind freie Tage deutlich unspektakulärer. Da wartet kein Sightseeing und selten eine neue Stadt. Dafür wartet mein eigenes Leben. Ich kann ausschlafen, einkaufen, Sport machen, Freunde treffen oder einfach zuhause sein. Manchmal besteht ein freier Tag auch hauptsächlich aus Wäsche, Erledigungen und Dingen, die in einer normalen Arbeitswoche eben anfallen.

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Das klingt deutlich weniger aufregend als ein Off Day in Wien, Hamburg oder Zürich. Aber nach längerer Zeit auf Tour kann genau diese Normalität plötzlich unglaublich wertvoll werden. Ich glaube, das ist generell einer der größten Unterschiede zwischen Touring und örtlichem Geschäft. Auf Tour erlebt man häufig mehr, ist aber gleichzeitig weiter vom eigenen Alltag entfernt. Im örtlichen Geschäft ist das Leben vielleicht weniger außergewöhnlich, dafür bleibt man ein Teil davon.

Was mir davon besser gefällt, hängt wahrscheinlich immer davon ab, was ich gerade länger nicht hatte. Nach vielen Wochen zuhause freue ich mich auf jeden Fall darauf, wieder unterwegs zu sein, neue Orte zu sehen und für eine Zeit komplett in eine Produktion einzutauchen. Doch nach einigen Wochen auf Tour freue ich mich wieder auf die Dinge, die vorher vollkommen selbstverständlich waren: Mein eigenes Sofa. Meine Familie. Meinen Alltag und sogar ein bisschen auf die Wäsche.

Gastgeber sein oder selbst zu Gast sein

Auch beruflich verändert sich die Perspektive komplett. Wenn ich örtlich arbeite, bin ich Gastgeberin. Die Tournee kommt zu mir und ich möchte, dass sie möglichst gute Bedingungen vorfindet. Im Idealfall sind die Anforderungen aus der Bühnenanweisung vorbereitet, die Ansprechpartner informiert und viele Fragen bereits beantwortet, bevor sie überhaupt gestellt werden müssen.

Ich kenne die Venue, die örtlichen Dienstleister und meistens auch die kleinen Besonderheiten, die in keinem Plan stehen. Ich weiß, welche Zufahrt funktioniert, wo kurzfristig noch eine zusätzliche Fläche geschaffen werden kann und wen ich anrufen muss, wenn etwas benötigt wird.

Wenn du örtlich arbeitest, bist du Gastgeber. Ein Dienstleister, der sich um all das kümmert, was die Gäste brauchen

Auf Tour bin ich plötzlich selbst Gast. Ich komme in eine Venue, die ich vielleicht noch nie gesehen habe, und bin darauf angewiesen, dass jemand anderes genau diese Vorarbeit geleistet hat. Natürlich gibt es Pläne, Bühnenanweisungen und unzählige Abstimmungen im Vorfeld. Trotzdem zeigt sich häufig erst vor Ort, wie gut eine Produktion tatsächlich vorbereitet wurde.

Und plötzlich merkt man sehr schnell, welchen Unterschied ein guter Örtlicher macht. Wenn ich morgens ankomme und die vereinbarten Dinge stehen dort, wo sie stehen sollen, die Ansprechpartner wissen, was geplant ist, und ich nicht jede Information noch einmal neu erklären muss, spart das unglaublich viel Zeit.

Genauso merkt man allerdings auch schnell, wenn die Vorbereitung nicht funktioniert hat. Dann beginnt ein Veranstaltungstag mit Fragen, die eigentlich längst beantwortet sein sollten. Wo können die Trucks stehen? Wo ist das bestellte Material? Wer ist für welches Gewerk zuständig? Warum weiß die örtliche Crew nichts von der geänderten Callzeit?

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Keine dieser Fragen ist für sich genommen eine Katastrophe. Wenn aber zwanzig davon gleichzeitig auftauchen, kostet das Zeit und vor allem Aufmerksamkeit, die an anderer Stelle fehlt. Ich glaube, dass mir genau dieser Perspektivwechsel auch in meinem örtlichen Geschäft hilft.

Seit ich selbst auf Tour gearbeitet habe, verstehe ich noch besser, warum manche Dinge für eine Tournee so wichtig sind. Eine Information, die für mich örtlich vielleicht wie ein kleines Detail wirkt, kann für jemanden, der jeden Tag in einer neuen Stadt arbeitet, einen erheblichen Unterschied machen.

Der permanente Perspektivwechsel zwischen Tournee und örtlicher Veranstaltung erzeugt das Verständnis für den Gast und für den Gastgeber

Umgekehrt hilft mir meine Erfahrung als Örtliche auf Tour dabei, nicht jede Herausforderung sofort als schlechte Vorbereitung zu betrachten. Venues haben Grenzen. Örtliche Dienstleister haben andere Abläufe. Und manchmal gibt es einen sehr guten Grund dafür, warum etwas nicht genauso umgesetzt werden kann, wie ursprünglich geplant. Am Ende arbeiten beide Seiten doch an derselben Veranstaltung und am gleichen Ziel.

Die Perspektive ist nur eine andere, und genau deshalb gegenseitiges Verständnis so wichtig. Eine Tournee kann nicht erwarten, dass jede Venue exakt gleich funktioniert. Gleichzeitig sollte ein Örtlicher verstehen, dass die Tournee nicht jeden Morgen wieder bei null anfangen möchte. Wenn beide Seiten ihren Job gut machen, entsteht daraus im besten Fall ein ziemlich entspannter Veranstaltungstag. Doch wenn nicht, dann kann es auch mal ein sehr langer Tag werden.

Heimvorteil oder jeden Tag neu orientieren

Einer der größten Vorteile im örtlichen Geschäft ist für mich, dass ich viele Venues sehr gut kenne. Wenn du regelmäßig in derselben Halle arbeitest, musst du irgendwann nicht mehr lange überlegen, wie bestimmte Dinge funktionieren. Du kennst die Wege, die Zufahrten, die Lagermöglichkeiten und oft auch die Menschen. Du weißt, an welcher Stelle es morgens eng werden könnte, welche Tür gerne einmal verschlossen ist und wo sich im Zweifel doch noch eine Fläche findet, obwohl auf dem Plan eigentlich keine mehr vorhanden war.

Das spart Zeit und gibt Sicherheit. Vor allem aber kann man viele Probleme vorhersehen, weil man sie entweder schon einmal hatte oder zumindest weiß, an welcher Stelle sie entstehen könnten. Manche Dinge stehen in keinem Venueplan und in keiner Bühnenanweisung. Man kennt sie einfach, weil man schon oft dort gearbeitet hat.

Auf Tour fehlt genau dieser Heimvorteil. Natürlich gibt es Venues, in denen man schon einmal war. Aber selbst dann können Jahre vergangen sein, die Produktion ist eine andere oder die Gegebenheiten haben sich verändert. Und manchmal steht man morgens in einer Halle, in der man noch nie zuvor gewesen ist.

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Dann beginnt der Tag zwangsläufig mit Orientierung. Wo sind die wichtigsten Wege? Wie funktioniert das Loading? Wo können wir Material zwischenlagern? Wie weit ist der Weg zum Catering? Und wo war nochmal mein Produktionsbüro? Gerade in großen Venues kann es eine Weile dauern, bis du dich nicht mehr verläufst.

Dafür hat eine Tournee ihren eigenen Heimvorteil: Denn während sich der Ort jeden Tag verändert, wird die Produktion selbst immer vertrauter. Nach einigen Shows kennt man die Abläufe, die Zeitpläne und die Menschen. Man weiß, an welcher Stelle es regelmäßig eng wird, welche Themen morgens zuerst geklärt werden müssen und welche Entscheidungen später noch Zeit haben.

Was im örtlichen Geschäft die Kenntnis des Venues ist,
ist auf Tour die Kenntnis der Produktion.

Der Part war für mich am aufschlussreichsten, als ich angefangen habe, häufiger auf Tour zu arbeiten. Örtlich bin ich es gewohnt, dass ich die Locations kenne und die Produktion wechselt. Auf Tour kenne ich irgendwann die Produktion sehr genau, muss mich dafür aber jeden Tag auf einen neuen Ort einstellen. Beides schafft Routine, nur auf eine vollkommen andere Art.

Im örtlichen Geschäft gibt mir der Ort Sicherheit. Selbst wenn eine Produktion neu oder kompliziert ist, kenne ich zumindest die Rahmenbedingungen. Auf Tour gibt mir die Produktion Sicherheit. Selbst wenn ich morgens noch nicht weiß, wo sich die nächste Toilette befindet, weiß ich zumindest ziemlich genau, was an diesem Tag passieren muss. Und wahrscheinlich ist genau das einer der Gründe, warum sich eine Tournee nach einiger Zeit trotz ständig wechselnder Städte vertraut anfühlen kann.

Örtliches Team oder Tourneefamilie

Menschen spielen in beiden Welten eine große Rolle. Die Beziehungen untereinander entstehen allerdings auf eine vollkommen unterschiedliche Art. Im örtlichen Geschäft arbeite ich teilweise seit vielen Jahren mit denselben Menschen zusammen. Man kennt sich aus unzähligen Produktionen, hat gemeinsam gute und schlechte Veranstaltungstage erlebt und weiß irgendwann ziemlich genau, wie die anderen arbeiten. Manche Kollegen sehe ich regelmäßig, andere vielleicht nur ein paar Mal im Jahr. Trotzdem ist die Vertrautheit oft sofort wieder da. Das örtliche Team ist für mich deshalb eine wichtige Konstante. Die Produktionen wechseln, Tourneen kommen und gehen, aber viele Menschen vor Ort bleiben.

Links: Teil des örtlichen Teams / Rechts: Das Riesen-Equipment der Analogues © Geisterfamilie

Links: Teil des örtlichen Teams / Rechts: Das Riesen-Equipment der Analogues © Geisterfamilie

Auf Tour ist es genau andersherum. Plötzlich verbringt man mit denselben Menschen nicht nur die Arbeitszeit, sondern einen großen Teil seines Lebens. Man arbeitet zusammen, fährt gemeinsam in die nächste Stadt, frühstückt zusammen, verbringt Off Days miteinander und sitzt abends vielleicht noch im Bus, obwohl man sich bereits den gesamten Tag gesehen hat.

Wenn du mit deinen Mitarbeitenden auf Tour bist, lernt man sich zwangsläufig auch privat kennen. Off Days sind da eine gute Gelegenheit,
sich auch intensiver kennen- und verstehen zu lernen …

Das schafft eine besondere Form von Nähe. Du lernst Menschen auf Tour wahrscheinlich schneller und intensiver kennen als in vielen anderen Arbeitsumfeldern. Nach relativ kurzer Zeit weißt du, wer morgens ansprechbar ist und wer erst nach dem zweiten Kaffee. Du kennst die guten Tage aber bekommst zwangsläufig auch die schlechten mit.

Gleichzeitig ist genau diese Nähe manchmal auch anstrengend. Auf Tour gibt es nur begrenzt Rückzugsmöglichkeiten. Wenn du einen schlechten Tag hattest, fährst du abends nicht einfach nach Hause und schließt die Tür hinter dir. Die Menschen, mit denen du gerade zwölf Stunden gearbeitet hast, sitzen auch beim Abendessen neben einem und schlafen wenige Meter entfernt.

Deshalb finde ich den Begriff „Tourneefamilie“ (Die „Geisterfamilie“  – Anm.d.Red) eigentlich ziemlich passend. Nicht, weil sich auf Tour automatisch alle lieben oder jede Tournee zu einer großen Freundschaft wird. Sondern weil man für eine bestimmte Zeit sehr eng miteinander lebt, gemeinsam durch gute und anstrengende Tage geht und sich irgendwann echt gut kennt und man sich nicht aus dem Weg gehen kann, selbst wenn man es wollte.

Im örtlichen Geschäft entstehen Beziehungen dagegen häufig über Jahre. Weniger intensiv an einem Stück, dafür oft sehr langfristig. Man sieht sich auf der nächsten Produktion wieder, arbeitet erneut zusammen und stellt irgendwann fest, dass aus einzelnen gemeinsamen Veranstaltungstagen viele Jahre Zusammenarbeit geworden sind. Ich könnte deshalb gar nicht sagen, welche Form von Teamgefühl mir besser gefällt …

Ich mag es, örtlich mit Menschen zu arbeiten, die ich teilweise seit Jahren kenne und bei denen viele Dinge inzwischen ohne große Erklärungen funktionieren. Und ich mag diese besondere Dynamik auf Tour, wenn aus einer Gruppe von Menschen, die gemeinsam eine Produktion umsetzen sollen, nach und nach ein eingespieltes Team wird. Vielleicht ist der größte Unterschied am Ende die Zeit dazwischen.

Örtlich geht jeder nach der Produktion wieder in sein eigenes Leben zurück. Auf Tour teilt man für eine Weile auch das Leben zwischen den Produktionen,
sieht sich danach aber vielleicht nie wieder.

Auch der Job selbst verändert sich

So unterschiedlich das Leben rund um die Produktion ist, so unterschiedlich kann auch die eigentliche Arbeit sein. Als Örtliche beschäftige ich mich vor allem damit, die Voraussetzungen für eine Produktion zu schaffen. Ich bekomme eine Bühnenanweisung, arbeite Anforderungen durch, stimme mich mit dem Venue und den örtlichen Dienstleistern ab und versuche, am Veranstaltungstag möglichst gut vorbereitet zu sein.

Mein Blick richtet sich dabei stark auf den Ort: Was ist hier möglich? Wo liegen die Besonderheiten? Welche Anforderungen der Tournee können genauso umgesetzt werden und wo müssen wir eine andere Lösung finden? Welche Gewerke werden benötigt und wer muss wann welche Information bekommen? Denn wenn die Tournee ankommt, wechselt der Schwerpunkt. Aus Vorbereitung wird Umsetzung und aus vielen einzelnen Abstimmungen wird plötzlich ein Veranstaltungstag, an dem möglichst alles zusammenpassen soll.

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Auf Tour ist der Ausgangspunkt ein anderer. Dort kenne ich die Produktion. Ich weiß, wie sie funktionieren soll, welche Abläufe sich bewährt haben und welche Anforderungen an jedem neuen Ort erfüllt werden müssen. Statt eine Tournee in einen bekannten Rahmen zu integrieren, nehme ich die Produktion mit und versuche jeden Tag aufs Neue, sie unter anderen Voraussetzungen umzusetzen. Dadurch verändert sich auch die Art, wie man auf Herausforderungen schaut. Örtlich denke ich häufig vom Venue aus: Wie können wir das, was die Tournee benötigt, hier möglich machen?

Auf Tour denke ich von der Produktion aus: Was brauchen wir, damit unsere Show heute unter diesen Bedingungen funktioniert? Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied, verändert die Perspektive aber erheblich.

Als Örtliche arbeite ich mit einer Produktion häufig über Wochen oder Monate in der Vorbereitung und begleite sie dann für einen oder mehrere Veranstaltungstage. Danach kommt die nächste Tournee mit anderen Anforderungen, anderen Abläufen und manchmal einer vollkommen anderen Größenordnung.

Auf Tour dagegen entwickelt sich die eigene Arbeit mit der Produktion weiter. Nach jedem Showtag weiß man ein bisschen mehr. Dinge, die am Anfang noch ausführlich besprochen werden mussten, funktionieren irgendwann automatisch. Gleichzeitig nimmt man Erfahrungen aus einem Venue mit in das nächste und merkt schnell, welche Abläufe tatsächlich überall funktionieren und welche nur unter bestimmten Voraussetzungen. Genau diesen Wechsel finde ich besonders spannend.

Das örtliche Geschäft verlangt von mir, mich immer wieder auf neue Produktionen einzustellen.
Touring verlangt von mir, dieselbe Produktion immer wieder an neue Orte anzupassen.

Beides erfordert Flexibilität, aber auf eine vollkommen unterschiedliche Art. Und beide Seiten haben mir wahrscheinlich geholfen, die jeweils andere besser zu verstehen. Wenn ich örtlich arbeite, weiß ich, wie es sich anfühlt, jeden Morgen in einem neuen Venue anzukommen und auf gute Vorbereitung angewiesen zu sein. Auf Tour weiß ich wiederum, dass hinter einem scheinbar einfachen „Das geht hier leider nicht“  manchmal Wochen an Abstimmungen und sehr reale örtliche Grenzen stehen. Am Ende ist es dieselbe Branche und häufig sogar dieselbe Veranstaltung. Ich stehe nur auf einer anderen Seite des Produktionsplans.

Warum ich mich nicht entscheiden möchte

Wenn ich gefragt werde, was mir besser gefällt, habe ich darauf bis heute keine eindeutige Antwort. Und wahrscheinlich möchte ich auch gar keine haben. Ich arbeite sehr gerne örtlich. Ich mag es, Gastgeberin zu sein, meine Venues zu kennen und mit Menschen zusammenzuarbeiten, mit denen ich teilweise seit Jahren Produktionen umsetze. Ich mag mein eigenes Bett, meinen Alltag und die Möglichkeit, nach einem langen Veranstaltungstag irgendwann wieder zuhause anzukommen.

Doch gleichzeitig fahre ich auch unglaublich gerne auf Tour. Ich mag diese besondere Dynamik, die entsteht, wenn eine Gruppe von Menschen für eine bestimmte Zeit gemeinsam in eine Produktion eintaucht. Ich mag es, morgens in einer neuen Stadt aufzuwachen, immer wieder neue Venues kennenzulernen und eine Show über mehrere Wochen zu begleiten. Und ich mag die Intensität, mit der man auf Tour lebt und arbeitet.

Aber wahrscheinlich mag ich beides auch deshalb so gerne, weil ich nicht dauerhaft nur eines davon mache. Nach einigen Wochen auf Tour freue ich mich irgendwann sehr auf zuhause. Auf mein eigenes Bett und einen Alltag, der nicht jeden Morgen in einer anderen Stadt beginnt. Ich freue mich darauf, wieder selbst Gastgeberin zu sein, meine Umgebung zu kennen und nicht zuerst herausfinden zu müssen, wo sich das Produktionsbüro befindet.

Und nach einer längeren Zeit im örtlichen Geschäft passiert irgendwann genau das Gegenteil: Da freue ich mich darauf, wieder eine Tasche zu packen und für eine Weile komplett in einer Produktion zu verschwinden. Darauf, nicht jeden Abend nach Hause zu fahren, sondern morgens aufzuwachen und direkt wieder Teil dieser kleinen Welt zu sein. Auf neue Städte, neue Venues und auf die besondere Dynamik, die sich im Alltag zuhause nur schwer erklären lässt.

Vielleicht brauche ich genau diesen Wechsel: Touring lässt mich Dinge am örtlichen Geschäft schätzen, die im Alltag schnell selbstverständlich werden. Mein eigenes Zuhause. Bekannte Menschen. Vertraute Venues. Die Möglichkeit, nach Feierabend tatsächlich in mein eigenes Leben zurückzukehren.

Das örtliche Geschäft wiederum sorgt dafür, dass Touring für mich etwas Besonderes bleibt. Ich weiß nicht, ob ich dauerhaft zehn Monate im Jahr unterwegs sein möchte. Wahrscheinlich nicht. Genauso wenig möchte ich aber darauf verzichten, immer wieder für einige Wochen auf Tour zu gehen. Denn beide Seiten geben mir etwas, das die andere nicht ersetzen kann.

Örtlich habe ich Beständigkeit, ohne dass die Arbeit langweilig wird. Die Orte und viele Menschen bleiben, aber die Produktionen wechseln.
Auf Tour habe ich Vertrautheit innerhalb einer Produktion, obwohl sich die Welt drumherum jeden Tag verändert.

Und vielleicht ist genau dieser Mix für mich das Beste an meiner Arbeit. Ich muss mich nicht entscheiden. Ich kann heute Gastgeberin sein und morgen selbst zu Gast. Ich kann eine Halle wie meine eigene Westentasche kennen und einige Wochen später morgens irgendwo aus einem Nightliner steigen und erstmal überlegen, in welcher Stadt ich eigentlich bin.

Ich kann mich nach einer Tour auf zuhause freuen und irgendwann zuhause wieder darauf, loszufahren. Für mich schließen sich diese beiden Welten nicht gegenseitig aus. Im Gegenteil. Wahrscheinlich mag ich jede von ihnen auch deshalb so gerne, weil ich die andere kenne.

Epilog

Touring und örtliches Geschäft sind zwei Seiten derselben Branche. Die Veranstaltungen sind vielleicht ähnlich, manchmal begegnet man sogar denselben Menschen wieder – auf beiden Seiten. Und trotzdem unterscheiden sich der Arbeitsalltag und das Leben drumherum erheblich. Ich glaube aber nicht, dass eine dieser beiden Welten grundsätzlich besser ist.

Es gibt Menschen, die nach wenigen Tagen auf Tour wissen, dass sie genau dort hingehören. Die das Unterwegssein lieben, mit einem Nightliner besser zurechtkommen als mit einem festen Arbeitsweg und irgendwann unruhig werden, wenn sie zu lange an einem Ort bleiben. Andere möchten nach einer Produktion nach Hause fahren. Sie arbeiten genauso gerne in dieser Branche, brauchen aber ihren Alltag, ihr eigenes Umfeld und einen Ort, an den sie regelmäßig zurückkehren.

Und dann gibt es Menschen wie mich. Ich freue mich auf Tour darauf, irgendwann wieder nach Hause zu kommen. Und zuhause freue ich mich irgendwann darauf, wieder loszufahren. In dieser Branche musst du dich auch gar nicht immer für eine Seite entscheiden. Viele Wege verändern sich im Laufe der Jahre, manche nur für eine Produktion und andere für eine ganze Lebensphase. Für mich liegt der Reiz bis heute genau im Wechsel. Denn wahrscheinlich mag ich jede dieser beiden Welten auch deshalb so gerne, weil ich die andere kenne.


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Lea Mellentinhttps://geister-familie.de/
Lea Mellentin selbst kommt aus der Stagehand- und Crewarbeit und ist die Mitgründerin der "Geisterfamilie" mit den Unternehmen Event Geist, Crew Geist und Rental Geist. Ihre Themen sind Touring, Produktionen (auch Rock am Ring) sowie Personal- und Crewthemen im Livebereich. Verwaltet über 200 Mitarbeiter. Lea Mellentin ist Mitgründerin der Geisterfamilie mit den Unternehmen Event Geist, Crew Geist und Rental Geist. Ihren Einstieg in die Veranstaltungsbranche fand sie selbst über die Stagehand- und Crewarbeit, bevor sie später in operative Produktions- und Führungsrollen wechselte. Heute arbeitet sie vor allem in den Bereichen Touring, örtliche Produktionsleitung, Veranstaltungsleitung und Crewmanagement. Gemeinsam mit ihrem Team begleitet sie Produktionen unterschiedlichster Größenordnungen – von einzelnen Konzertshows bis hin zu Tourneen, Festivals und Venueproduktionen.
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