Neil Peart bei einem Drink mit seinen Freunden © KI generiert, Engelmann Promotion
Ich gebe es gleich zu: Ich bin Rush-Fan . Bei diesem Thema bin ich also nicht neutral. Und ehrlich gesagt will ich das auch gar nicht sein. Ich kenne Rush seit 1981 und wenn ich eine Lieblingsband nennen könnte, wäre das eindeutig Rush. Deswegen hat mich auch die Dokumentation „No Ones Disciple“ sehr berührt. Hier erweisen Geddy Lee und Alex Liveson zusammen mit bekannten Drummern ihrem Freund Neil Peart eine denkwürdige Referenz.
Neil Peart war nicht einfach nur der Schlagzeuger von Rush . Er war Texter, Komponist, Schriftsteller, Leser, Motorradfahrer und Perfektionist. Für Generationen von Schlagzeugern war er ein Vorbild. Vor allem aber war er offenbar ein ziemlich besonderer Mensch. Genau das zeigt die Dokumentation „Neil Peart: No One’s Disciple“ . Geddy Lee und Alex Lifeson erinnern sich an ihren Freund und langjährigen Bandkollegen. Dazu setzen sich vier absolute Weltklasse-Drummer hinter das Drumset: Chad Smith, Stewart Copeland, Danny Carey und Gavin Harrison . Sie versuchen sich an Pearts Parts.
Und plötzlich wird sehr deutlich: Einen Rush -Song zu kennen, ist eine Sache. Ihn so zu spielen, wie Neil Peart ihn gedacht hat, ist etwas völlig anderes. Am Ende führt uns die Geschichte zu Anika Nilles . Und damit direkt zur neuen Rush Tour, die 2027 auch nach Deutschland kommt. Für mich ist dieser Film deshalb weit mehr als eine Musikdoku. Er ist eine wunderbare Verbeugung vor Neil Peart .
Das Wichtigste in aller Kürze
- „Neil Peart: No One’s Disciple“ ist ein kanadischer Dokumentarfilm über den 2020 verstorbenen Rush -Schlagzeuger. Die Doku lief im September 2026 beim Filmfestival in Toronto und bei CBC.
- Geddy Lee, Alex Lifeson und viele Weggefährten erzählen, wer Neil wirklich war.
- Chad Smith, Stewart Copeland, Danny Carey und Gavin Harrison spielen Rush -Songs zusammen mit Geddy und Alex .
- Der Film zeigt, warum Pearts Parts komponiert sind und nicht einfach gejammt.
- Auch die schweren Kapitel fehlen nicht: der Verlust von Tochter und Frau, der Abschied 2015 und die Krankheit.
- Rush spielen 2027 fünf Konzerte in Deutschland, mit Anika Nilles am Schlagzeug. Wir haben Tickets.
Erst einmal einen Whisky für Neil
Der Film beginnt nicht mit einem Schlagzeugsolo, er beginnt mit Whisky. Geddy Lee und Alex Lifeson sitzen zusammen. Vor ihnen steht Macallan, Neil Peart´s Lieblingswhisky. „Two fat fingers“, also zwei dicke Fingerbreit. So schenkte Neil offenbar ein. Wenn Freunde vorbeikamen oder im Studio gegen fünf Uhr Feierabend war, holte er Eis und goss ein. Geddy und Alex scherzen, dass Neils Finger über die Jahre wohl immer dicker geworden seien. Dann stoßen sie an. Auf Neil . Auf ihren fehlenden Wingman.
Schon in den ersten Minuten ist klar:
Hier reden nicht zwei Rockstars über einen berühmten Schlagzeuger,
hier fehlt zwei Freunden ihr Dritter …
Worum geht es in „No One’s Disciple“?
Neben Geddy Lee und Alex Lifeson kommen viele Freunde und musikalische Weggefährten zu Wort. Und der Film macht etwas sehr Cleveres. Er redet nicht nur darüber, wie schwierig Neil Pearts Schlagzeugparts sind. Er lässt einige der besten Schlagzeuger der Welt diese Parts spielen.

Wie wurde Neil Peart zu Rush?
Dabei hätte die Geschichte von Rush auch ganz anders laufen können. Als Neil Peart 1974 zum Vorspielen erschien, war der erste Eindruck bei Geddy und Alex verhalten. Peart fuhr in einem Ford Pinto vor. Ein großer, dünner Kerl sprang aus dem Wagen. Teile seines Schlagzeugs hatte er in Müllsäcke verpackt. Geddy und Alex hielten sich damals für ziemlich cool. Große Gürtelschnallen, Rock’n’Roll-Klamotten. Und dann dieser Typ – Alex erinnert sich sinngemäß: „Der ist doch unmöglich cool genug für unsere Band …“
Dann setzte Neil sich ans Schlagzeug. Er spielte. Und die Sache war erledigt. Plötzlich war er ziemlich cool. Sehr schnell sogar. Doch es war nicht nur das Schlagzeugspiel, das die drei zusammenbrachte. Sie redeten über Bücher, über Tolkien und „Der Herr der Ringe“. Sie mochten Monty Python und hatten denselben Humor. Neil sagte später sinngemäß etwas sehr Schönes darüber: Sie spielten gut miteinander, und sie lachten gut miteinander. Das sollte ziemlich lange halten.
Warum schreibst du nicht unsere Texte?
Mit Neil Peart änderte sich Rush grundlegend. Geddy Lee hatte nämlich wenig Lust, weiter die Texte zu schreiben. Irgendwann fiel Geddy und Alex auf, dass ihr neuer Schlagzeuger ständig las. Also fragten sie ihn sinngemäß: „Du liest doch sowieso dauernd. Warum schreibst du nicht unsere Texte?“ Neil ließ sich darauf ein. Zum Glück.
Schon als Kind hatte Peart Gedichte geschrieben. Literatur interessierte ihn enorm. Jetzt brachte er diese Welt in die Musik von Rush. Für Geddy entstand allerdings ein neues Problem. Neil schrieb viele Wörter. Sehr viele. Bei einem der ersten Texte soll Geddy gesagt haben: „Wie soll ich die ganzen Wörter in eine einzige Zeile bekommen?“ Seine Lösung war recht einfach: „Sing´ schneller …“.
Und dann kam das Album „2112“
Mit Neil wurde Rush immer ehrgeiziger. Science-Fiction, gesellschaftliche Fragen und philosophische Ideen tauchten in den Texten auf. Der große Wendepunkt war „2112“ aus dem Jahr 1976. Die Plattenfirma hätte Rush damals gerne kommerzieller gesehen. Kürzere Songs, mehr Refrains, Singles. Rush machte genau das Gegenteil. „2112“ wurde ein großes Konzeptwerk mit einer 20-minütigen Titel-Suite …
Die Geschichte in dem Song ähnelt stark der Novelle „Anthem“ von Ayn Rand. Peart sagte später, die Parallelen seien ihm erst beim Schreiben aufgefallen. Im Booklet dankte er Rand deshalb ausdrücklich. Wichtiger als die Vorlage war für ihn aber die Idee dahinter: den eigenen Weg gehen und sich nicht vorschreiben lassen, wie die eigene Kunst auszusehen hat. Niemand sollte Rush sagen: „Spielt doch etwas einfacher“ . Rush wollten es nicht einfacher.
Vier Weltklasse-Drummer: Wie schwer ist Rush wirklich?
Das vielleicht stärkste Element der Doku sind die gemeinsamen Sessions der vier Schlagzeuger. Alle sind selbst begnadete Trommler – keiner muss mehr beweisen, dass er spielen kann. Und trotzdem verlangt ihnen die Musik von Rush einiges ab. Mit dabei sind:
Schlagzeuger |
Bekannt durch die Band(s) |
Spielte diese Rush-Songs |
|---|---|---|
Chad Smith |
Red Hot Chili Peppers |
„Working Man“, „Limelight“ |
Stewart Copeland |
Police, Curved Air |
„New World Man“ |
Danny Carey |
Tool |
„2112 Overture“, „Tom Sawyer“ |
Gavin Harrison |
Porcupine Tree, King Crimson, The Pineapple Thief |
„Dreamline“ |
Chad Smith: „Working Man“ und „Limelight“
Chad Smith spielt unter anderem „Working Man“. Das ist spannend, denn der Song stammt noch aus der Zeit vor Neil Peart. Neil hatte ihn über die vielen Jahre auf der Bühne aber so stark geprägt, dass Geddy und Alex heute von seiner Version sprechen. Peart hatte den Song zu seinem eigenen gemacht. Später sitzt Chad Smith bei „Limelight“ am Drumset. Und hier zeigt sich schon, warum man Rush-Musik nicht einfach durchjammen kann. Pearts Schlagzeugfiguren sind Teil des Arrangements. Sie gehören zum Stück. Natürlich kann ein Chad Smith improvisieren. Aber dann ist es eben nicht mehr genau dieser Rush-Song. Smith merkt beim Spielen sehr schnell, wie genau diese Parts ausgearbeitet sind.
Stewart Copeland: „New World Man“
Bei Stewart Copeland wird es besonders interessant. The Police gehörten zu den Bands, die Rush Ende der 70er und Anfang der 80er beeinflusst haben. Neil erzählt, wie sehr ihn damals Elvis Costello, Talking Heads und The Police begeistert haben. Die Songs wurden kompakter, die Sounds änderten sich. Auch sein Schlagzeugspiel entwickelte sich weiter. Jahrzehnte später sitzt Copeland nun selbst am Rush-Drumset und spielt mit Geddy und Alex „New World Man“. Danach ist er ziemlich durch. Sein Kommentar ist herrlich:
„Verdammt, das ist harte Arbeit.
Ich dachte eigentlich, ich wäre fit.“
Wenn Stewart Copeland so etwas über einen dieser komplexen Schlagzeugparts sagt, ist das schon ein ausgesprochenes Qualitätssiegel.
Danny Carey: „2112 Overture“ und „Tom Sawyer“
Und dann kommt Danny Carey. Dem Tool-Drummer machen ungewöhnliche Taktarten nun wirklich keine Angst. Trotzdem bekommt er mit Rush ordentlich Arbeit. Er spielt die „2112 Overture“ und später „Tom Sawyer“.
Beim Proben wird klar, wo die eigentliche Schwierigkeit liegt. Technisch sind die meisten Figuren für einen Drummer auf diesem Niveau gut spielbar. Das Problem ist ein anderes: Du musst dir merken, wann welche Figur kommt. Wiederholungen sind nämlich nicht zwangsläufig gleich. Beim nächsten Durchgang setzt Neil irgendwo einen Schlag mehr. Ein Akzent verschiebt sich, ein Fill verändert sich. Die Songs bewegen sich ständig weiter. Carey erkennt beim Zerlegen der Parts immer mehr von diesem System.
Gavin Harrison: „Dreamline“
Gavin Harrison geht die Aufgabe fast wissenschaftlich an. Er schreibt detaillierte Noten der Rush-Songs, sogenannte Charts. Bei „Dreamline“ stellt er fest, dass selbst die Bassdrum-Figuren nicht einfach ständig wiederholt werden. Sie verändern sich. Und teilweise folgen sie direkt dem Gesang.
Das ist einer der Schlüssel zu Neil Pearts Stil. Er kannte die Texte. Natürlich, viele davon hatte er ja selbst geschrieben. Deshalb wusste er genau, wann eine Gesangszeile Platz brauchte und wann das Schlagzeug antworten konnte. Geddy Lee beschreibt es sehr treffend: Wenn Neil eine Melodie liebte, stellte er sich in ihren Dienst. Das klingt erst mal erstaunlich für einen Drummer, der für riesige Drumsets und spektakuläre Soli berühmt wurde. Aber genau darin lag vielleicht seine eigentliche Größe.
„Tom Sawyer“ und 20.000 Air-Drummer
Es gibt kaum einen Rush-Song, bei dem Pearts Einfluss deutlicher wird. Bei einem Rush-Konzert spielte nämlich nicht nur einer Schlagzeug. Teilweise spielten 20.000 Leute mit. Mit unsichtbaren Toms, unsichtbaren Becken und unsichtbaren Sticks. Das nennt man Air-Drumming. Und alle wussten genau, wann der Fill kommt. Stewart Copeland soll Neil einmal gefragt haben: Wie machst du das? Wie bekommst du all diese verdammten Air-Drummer? Eine berechtigte Frage. Die Antwort steckt in der Musik. Pearts Schlagzeugfiguren waren so stark komponiert, dass die Fans sie wie Melodien auswendig kennen.
Was machte Pearts Spiel so besonders?
Natürlich war Neil Peart technisch außergewöhnlich. Aber darauf lässt sich sein Spiel nicht reduzieren. Fills hatten einen Grund. Eine Tom-Figur hatte einen Grund. Ein Beckenakzent hatte einen Grund. Beim zweiten Durchgang konnte ein neues Detail auftauchen, weil sich die Musik weiterentwickelte. Sein Schlagzeug begleitete die Songs nicht einfach. Es erzählte sie mit. Das erklärt auch, warum seine Parts Jahrzehnte später immer noch analysiert werden.
Wer war dieser Neil abseits vom Drumset?
Eine meiner Lieblingsgeschichten über Neil Peart spielt Mitte der 90er. Da war er längst einer der berühmtesten Schlagzeuger der Welt. Andere Drummer nahmen Unterricht, um seine Technik zu lernen. Und Neil? Nahm selbst wieder Unterricht. Bei Freddie Gruber. Und zwar nicht nur ein paar Stunden. Er stellte seine komplette Spielweise infrage: Stockhaltung, Bewegungen, Sitzposition, Beinarbeit. Einer der besten Rockschlagzeuger der Welt machte sich freiwillig wieder zum Schüler. Das sagt sehr viel über ihn.
„Rehearsing for rehearsing“
Auch vor Tourneen überließ Peart wenig dem Zufall. Bevor Rush überhaupt gemeinsam probten, fing er alleine an. Wochenlang. Er trainierte die Hände, baute Kondition auf und programmierte elektronische Sounds. Vor allem musste er die Songs wieder in den Körper bekommen. Die Crew entwickelte dafür einen durchaus passenden Begriff: „Rehearsing for rehearsing“ . Proben für die Probe. Nach der ersten Woche waren seine Hände teilweise voller Blasen. Erst dann begannen die eigentlichen Bandproben.
Perfektion kann anstrengend sein
Peart hatte einen gewaltigen Anspruch an sich selbst. Fehler konnte er sich jahrelang merken. Eine wunderbare Geschichte handelt von seinem Auftritt bei David Lettermans „Drum Solo Week“. Nationales Fernsehen. Neil spielt. Und ihm fällt ein Stick herunter. Eine Katastrophe. Zumindest für Neil.
Ein Freund musste ihn danach beruhigen. Seine Antwort war herrlich trocken: Ich verliere fast bei jedem Song einen Stick. Das gehört bei mir zur Show. Für Neil funktionierte das nicht. Gut war nicht gut genug.
The Cave: Hier war Neil einfach Neil
Abseits der Bühne gab es einen Ort, den seine Freunde nur „The Cave“ nannten. Neils Rückzugsort. Dort standen seine Autos, dort hatte er sein Büro. Und dort stand offenbar eine Couch, vor der man ausdrücklich warnen musste. Sie war gefährlich bequem. Freitags kamen Freunde vorbei. Man redete über Musik, natürlich. Aber genauso über Literatur, Wissenschaft, Astronomie, Natur und das Leben. Einer seiner Freunde sagt im Film, Neil sei für ihn fast wie ein großer Bruder geworden. Manchmal sei er mit einem Problem in die Cave gegangen und mit einem völlig anderen Gefühl wieder herausgekommen.
Und manchmal wurde natürlich gespielt. Stewart Copeland erzählt von Jams, bei denen sich mehrere Drumsets gegenüberstanden. Neil Peart, Danny Carey und andere Freunde. Wer gerade nicht trommelte, nahm eben eine Gitarre. Die Sessions liefen teilweise stundenlang. Ein paar Flaschen Macallan sollen dabei nicht geschadet haben. Das ist eine schöne Vorstellung. Auf der Bühne wirkte Neil oft konzentriert, kontrolliert und fast unnahbar. Privat konnte er offenbar wunderbar herumalbern.
Berühmt sein? Lieber nicht.
Mit den Fans hatte Neil Peart ein schwieriges Verhältnis. Nicht weil er die Menschen verachtete, doch wollte Neil klare Grenzen. Auf der Bühne war er der Profi Neil Peart. Danach wollte er einfach ein Mensch sein. Trafen ihn Leute, ohne zu wissen, wer er war, war er oft völlig entspannt. Kam jemand ehrfürchtig auf den berühmten Rush-Drummer zu, zog er sich zurück.
Einige Freunde sehen das im Film durchaus kritisch. Denn so einfach funktioniert Berühmtheit nicht. Wenn deine Musik Millionen Menschen etwas bedeutet, wollen einige davon irgendwann einfach nur Danke sagen.
Verluste, an denen man zerbrechen kann
1997 stirbt Neil Pearts Tochter Selena bei einem Autounfall. Zehn Monate später verliert er auch seine Frau Jacqueline. Danach ist nichts mehr wie vorher. Peart setzt sich auf sein Motorrad. Und fährt. Durch Kanada, Alaska und die USA. Zehntausende Kilometer. Ein Freund beschreibt es im Film sinngemäß so: Neil musste den Geistern immer einen Schritt voraus sein.
Aus dieser Zeit stammt auch sein Buch „Ghost Rider: Travels on the Healing Road“ . Für einen Mann, der sein Privatleben sonst so konsequent abschirmte, schreibt Peart darin erstaunlich offen. Vielleicht konnte er Dinge schreiben, die er nicht sagen konnte. Der Verlust seiner Familie beschreibt er als etwas fast Körperliches. Wie einen Phantomschmerz. Als wäre ein Teil von ihm weggerissen worden.
Das Motorrad als Denkraum
Später wurde das Motorradfahren ein fester Teil seines Lebens. Auf Tour fuhr Neil oft alleine von einem Konzertort zum nächsten. Nicht über die schnellste Autobahn, sondern über Nebenstraßen, durch kleine Orte und andere Landschaften. Er sagte, Motorradfahren brauche enorme Konzentration. Und gerade dadurch kämen die Gedanken. Deshalb hatte er immer ein kleines Notizbuch dabei. Anhalten, aufschreiben, weiterfahren.
Auch vorher war Peart schon so unterwegs. Einmal soll er an einem freien Tag mit dem Fahrrad von Milwaukee nach Chicago gefahren sein. Abends spielte er dann eine dreistündige Rush-Show. Manche Menschen verbringen einen freien Tag etwas ruhiger. Neil offensichtlich nicht.
Wie endete die Ära Neil Peart?
Irgendwann kam das Alter. Und Schlagzeug spielen bei Rush ist Hochleistungssport. Peart beschrieb es einmal sinngemäß so:
„Es ist, als würde man einen Marathon laufen
und dabei Mathe-Aufgaben lösen“
Dadurch bekommt ein alter Rush-Song plötzlich eine neue Bedeutung: „Losing It“. Er handelt von Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Und davon, wie Körper oder Geist diese Fähigkeiten irgendwann nicht mehr hergeben. Genau davor hatte Peart Angst. Er wollte nicht erleben, dass er seine eigenen Parts nicht mehr auf seinem Niveau spielen kann. Er wollte nicht als schwächere Version seiner selbst auf der Bühne stehen.
„Guys, we have to talk.“
2014 kam der Moment. Neil wollte Geddy und Alex sagen: Ich höre auf. Alex wollte allerdings noch eine letzte Tour spielen. Er hatte gesundheitliche Probleme hinter sich. Jetzt fühlte er sich wieder gut und wollte diese Chance nutzen. Neil ließ ein kleines Fenster offen. Und genau durch dieses Fenster marschierte Alex. Peart soll danach in seinem Hotelzimmer auf und ab gelaufen sein. Dabei habe er ein bestimmtes englisches Wort mit „F“ sehr häufig benutzt. Am nächsten Morgen stand die Entscheidung trotzdem. Wenn Neil etwas zusagte, dann machte er es auch.
30 Shows sind immerhin 30 Shows und dann kam die Krankheit
Er sagte 30 Konzerte zu. Also spielte er 30 Konzerte. Nicht 31. Keine Verlängerung. Am 1. August 2015 kam in Los Angeles der letzte Abend. Am Ende ging Neil nach vorne an den Bühnenrand. Das hatte er praktisch nie gemacht. Für seine engsten Leute war in diesem Moment klar: Das war’s … Die besonders bittere Wendung kam danach: Neil Peart erkrankte an einem Hirntumor.
Zuerst bemerkten Freunde Kleinigkeiten. Kreuzworträtsel fielen ihm plötzlich schwerer. Bei jedem anderen hätte das wohl niemanden beunruhigt. Bei Neil fiel es auf. Später kam die Diagnose. Wie so vieles aus seinem Privatleben hielt er auch die Krankheit aus der Öffentlichkeit heraus.
Die Erzählungen über die letzten Begegnungen mit Freunden gehören zu den bewegendsten Momenten des Films. Einige wussten beim Abschied schon: Das ist wahrscheinlich das letzte Mal. Einen Freund bat Neil persönlich, später seine Gedenkfeier zu leiten. Und eines seiner letzten Gespräche drehte sich um das, worum sich so viel in seinem Leben gedreht hatte: Musik. Er wollte seinen Freunden sagen, wie stolz er auf das war, was sie zusammen geschaffen hatten.
„I made it.“
Eine kleine Geschichte bleibt besonders hängen. Neil hatte irgendwann mit dem Motorradfahren aufgehört. Eine seiner Maschinen hing deshalb an der Wand in der Cave. Er zeigte darauf und sagte mit einem Lächeln:
„I made it. I did it. That didn’t get me.“
Ich hab’s geschafft. Das Motorrad hat mich nicht erwischt. Über diesen Satz kann man erst mal lachen, doch wenn man weiß, wie die Geschichte endet, ist er gleichzeitig unglaublich traurig. Neil Peart starb am 7. Januar 2020.
Lebt die Musik weiter?
Nach Neils Tod war es mit Rush vorbei. Und selbst Geddy Lee und Alex Lifeson hatten Schwierigkeiten, die alten Songs wieder zu spielen. Geddy beschreibt es sehr treffend. Sie hätten ihre eigene Musik praktisch in eine Kiste gepackt. Vergangenheit. Nicht anfassen. Dann kamen Chad Smith, Stewart Copeland, Danny Carey und Gavin Harrison. Sie spielten zusammen. Und etwas änderte sich. Geddy und Alex merkten: Die Musik lebt noch …
Anika Nilles: ein unmöglicher Job?
Damit führt „No One’s Disciple“ direkt in die Gegenwart. Zu Anika Nilles. Die Schlagzeugerin stammt aus Aschaffenburg. 2022 war sie mit Jeff Beck auf Tour, bei seiner letzten großen Tournee. Jetzt sitzt sie bei Rush auf einem der berühmtesten Schlagzeug-Plätze der Rockgeschichte. Vor allem spannend ist, dass sie nicht eben der klassische Rush-Fan war, der seit Jahrzehnten jeden Schlag von Neil auswendig kann. Sie kam aus einer anderen musikalischen Richtung. Also musste sie sich Rush erarbeiten. Und zwar richtig. Rund 40 Songs mit komplexen Arrangements, vielen Taktwechseln und unzähligen Details.
Nilles beschreibt sehr schön, was dabei im Kopf passiert. Fünf. Sieben. Drei. Wieder fünf. Wieder sieben. Und nebenbei musst du ja noch Schlagzeug spielen. Und körperlich mithalten. Also ging sie ins Fitnessstudio. Denn diese Musik ist nicht nur Kopfarbeit. Sie ist Hochleistung. Doch ihre wichtigste Aussage ist für mich aber eine andere. Sie sagt sinngemäß: „Es geht nicht nur darum, technisch alles richtig zu spielen; ich will das Gefühl treffen … Genau das dürfte der Schlüssel sein. Niemand braucht eine Neil-Peart-Kopie. Die gibt es sowieso nicht.
Rush 2027 in Deutschland: alle Konzert-Termine
Deshalb wird die Doku für uns noch einmal besonders interessant. Rush sind mit der Fifty Something Tour unterwegs. In Nordamerika läuft sie seit Juni 2026, 2027 kommt sie nach Europa. Geddy Lee und Alex Lifeson werden von Anika Nilles am Schlagzeug und Loren Gold an den Keyboards unterstützt. Für die Tour gibt es einen Pool von mehr als 40 Songs. Jeder Abend besteht aus zwei Sets, und die Songauswahl soll sich von Show zu Show unterscheiden. Es lohnt sich also, mehr als ein Konzert zu besuchen. Und es gibt gleich fünf Deutschland-Termine:
- 21. Februar 2027 in Berlin, Uber Arena
- 25. Februar 2027 in München, Olympiahalle
- 28. Februar 2027 in Köln, LANXESS Arena
- 02. März 2027 in Hamburg, Barclays Arena
- 04. März 2027 in Stuttgart, Hanns-Martin-Schleyer-Halle
Damit stehen Rush zum ersten Mal seit 2013 wieder auf europäischen Bühnen. Und ja: Wir haben Karten ergattert. Ich hätte mich sowieso darauf gefreut. Nach dieser Doku aber noch ein bisschen mehr. Denn ich will dort keinen Ersatz für Neil Peart erleben. Den gibt es nicht. Mich interessiert etwas anderes: Was passiert, wenn diese Musik wieder auf einer Bühne steht?
Wenn Geddy seinen Bass anschlägt. Wenn Alex seinen unverwechselbaren Gitarrenton spielt. Wenn Anika Nilles hinter dem Schlagzeug sitzt. Und wenn einer dieser legendären Fills kommt, bei dem ein paar Tausend Leute in der Halle gleichzeitig anfangen, unsichtbare Toms zu bearbeiten. Dann wird Neil Peart ziemlich präsent sein. Obwohl er dort nicht sitzt.
Kann man Neil Peart ersetzen?
Vielleicht ist das die wichtigste Aussage der ganzen Doku. Da sitzen vier der besten Schlagzeuger ihrer Generation und spielen Rush. Und plötzlich merken selbst diese Musiker, wie viel Arbeit, Überlegung und musikalisches Verständnis in diesen Parts steckt. Warum spielt Neil dort genau diese Figur? Warum verändert sie sich beim zweiten Durchgang? Warum lässt er hier plötzlich Platz? Warum folgt die Bassdrum dort dem Gesang? Und warum wirkt ein Song völlig selbstverständlich, obwohl darunter ständig ungewöhnliche Dinge passieren?
Je tiefer du reinhörst, desto weniger geht es um technische Kunststücke. Es geht um musikalische Entscheidungen. Neil Peart spielte nicht kompliziert, damit alle merken, dass er kompliziert spielen kann. Er spielte so, weil er überzeugt war: Genau so muss dieser Song an dieser Stelle klingen.
Zum Schluss noch einen Macallan
Damit landen wir wieder am Anfang. Geddy Lee. Alex Lifeson. Ein leerer Platz. Zwei dicke fingerbreit Macallan Whisky … Ein Toast auf den fehlenden Wingman. Neil Peart war vieles. Einer der besten Rockschlagzeuger überhaupt. Texter, Autor, Leser, Motorradfahrer und Perfektionist. Manchmal sicher auch schwierig. Offenbar sehr lustig. Und vor allem neugierig.
Für mich erzählt eine Geschichte besonders viel über ihn. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere, wo andere Musiker versuchten herauszufinden, wie Neil Peart Schlagzeug spielt. Und Neil Peart suchte sich selbst einen Lehrer. Er wollte wissen: Was kann ich noch besser machen? Vielleicht ist genau das sein eigentliches Vermächtnis. Nicht die Größe seines Drumsets. Nicht seine Geschwindigkeit. Nicht einmal die legendären Fills in „Tom Sawyer“. Sondern die Haltung, nie fertig zu sein. Immer weiterlernen. Immer genauer hinhören. Immer noch einmal versuchen, es besser zu machen.
Die Musik ist geblieben. Die Texte und die Bücher sind geblieben. Seine Freunde sind geblieben. Und seine Parts bringen selbst Weltklasse-Drummer heute noch ins Schwitzen. 2027 stehen diese Songs wieder auf deutschen Bühnen …
… Einen schöneren Tribute kann Musik
einem Musiker kaum machen.
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