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    StartTechnikITBlick in die Werkstatt - Vom Original zum Cover
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    Blick in die Werkstatt – Vom Original zum Cover

    Genial gecovert: Die Bühnenshow von „The Kiss Forever Band“ / © Engelmann Fotografie

    Covern – ein Sündenfall?

    In Deutschland dürfte es weit mehr als tausend Musikgruppen geben, die sich als Cover Band bezeichnen und die Titel bekannter Rock- und Popgrößen nachspielen. Während Jazzer und Klassikmusiker damit überhaupt kein Problem haben, beobachte ich bei Rock- und Popmusikern häufig ein Naserümpfen. Viele empfinden das Nachspielen oder „Covern“ bekannter Musiktitel geradezu als Sündenfall und sie legen Wert darauf, nur eigenes Material vorzutragen.

    The Music is performed by …

    Alle anderen wissen, dass die Mehrzahl der Interpreten klassischer Musik davon lebt, dass sie die Werke alter Meister auf ihre eigene Art und Weise wiedergibt. Hinzu kommt, dass auch die traditionelle Ausbildung sich an den Vorgaben von Komponisten der zurückliegenden Jahrzehnte und gar Jahrhunderte orientiert.

    Und als Liebhaber von Jazz, Rock, Soul, Pop und Blues habe ich durch Anhören und Nachspielen eine Menge von meinen Vorbildern gelernt. Nur wie geht das?

    Wie komme ich an Text und Noten?

    Da gibt es zum einen Notenmaterial. Leider recht oft in vereinfachter, Klavier- oder Gitarren-tauglicher Form. Und meist dazu auch recht teuer. Oder das aus den 70ern stammende Realbook, das die Transkriptionen berühmter Jazz Standards enthält.

    Als Apps fallen Euch vermutlich sofort Ultimate Guitar, Guitar Pro  oder TabPro  ein. Unter didaktischen Aspekten ist die Plattform Youtube  mit der Kombination von Bild und Ton vermutlich eine der ergiebigsten Quellen, um sich mit anschaulichen Lernvideos zu versorgen.

    All jenen Medien ist gemeinsam, dass sie zwar den Songaufbau, die Grundakkorde und ein paar Riffs beschreiben. Doch viele Songs leben von den Details: Von einem raffinierten Basslauf, der Umkehrung eines Akkords, einer gewollten Dissonanz oder einem akustischen Effekt, den es nachzubilden gilt.

    Lässt man diese Feinheiten weg, vermag man den Song zwar zu erkennen – doch auch treue Fans stellen fest: Es klingt nicht rund, irgendetwas fehlt.

    The Art of Cover Performance

    Da hilft nur ein geschultes Ohr. Das muss nicht angeboren sein – man kann das Hören lernen und sich antrainieren. Und selbst ich, der ich manche Titel schon mehrere hundert Mal gespielt habe, finde beim wiederholten Anhören des Originals immer wieder noch ein paar Details, die ich dann versuche, beim nächsten Konzert mit einzubringen.

    Wenn ich mich mit einem zu covernden Song befasse, besorge ich mir zunächst die Studioversion und – sofern verfügbar – eine qualitativ hochwertige Live Aufnahme.

    Mit der jeweiligen Band spreche ich Tonhöhe, Tempo und Ablauf ab. Trifft der Sänger auch wirklich problemlos die hohen Töne? Welche Tonart verwenden wir, wenn Bläser und Gitarristen dabei sind (Es oder E, A oder B)? Orientieren wir uns an der Live- oder an der Studioversion?

    Die Arbeit wird erheblich einfacher, wenn ich im nächsten Schritt die beiden Original Audiotracks auf die mit der Band abgestimmte Tonhöhe bringe. Die von mir im Proberaum und auf der Bühne eingesetzte App Bandhelper (Einzelplatzversion: Set List Maker . Lies dazu auch meinen Artikel „Papierlose Bühne“? Klar, mit der richtigen App geht das“) bietet dazu umfangreiche Einstellmöglichkeiten.

    So kann ich die Tonhöhe einer Aufnahme nicht nur in Halbton- sondern auch in Hundertstel Schritten eines Halbtons verändern (Pitch Shift Coarse/Fine). Auch lassen sich das Volumen und die Panorama Anteile ändern sowie der Vorspann und/oder das Ende der Aufnahme beschneiden, ohne dabei die Originaldatei zu verändern (Trim From Start/End).

    Screenshot „Bandhelper“: Recordings / © Chris Hinz

    Die Lyrics zum besseren Verständnis der Songstruktur

    Wie geht’s weiter? Zunächst höre ich mir den betreffenden Song einige Male an und mache mir Notizen zu Instrumentierung, Ablauf und Aufbau (Intro, Vers, Bridge, Chorus, Interlude, Soli, Outro).

    Eine gute Orientierung und praktische Hilfe zum Verständnis der Songstruktur bieten die Lyrics, die meist relativ einfach im Netz zu finden sind. Wobei ich empfehle, sie auf jedem Fall mit dem Audiomaterial zu vergleichen. Nicht immer sind die Texte mit dem Ablauf des Songs identisch und/oder enthalten Fehler.

    Beim Covern aktueller Titel bin ich als Keyboarder häufig recht gut ausgelastet, da nicht nur die klassischen Instrumente wie Orgel und Piano eingesetzt werden, sondern auch eine Vielzahl von Soundeffekten einzuspielen ist.

    Anhand meiner Notizen stelle ich mir deshalb jene Keyboard-Sounds zusammen, die ich für den betreffenden Song benötige. Dann ordne ich sie den von mir dazu ausgewählten Bereichen der Tastatur zu (Split) oder lege sie „übereinander“ (Layer), um sie zum Anfetten von Sounds zeitgleich zu spielen oder per Pedal einblenden zu können (wie zum Beispiel Streicher, die ich an den entsprechenden Stellen dem Piano Sound hinzufüge).

    Die Arbeit beginnt

    Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit: Das Heraushören der Chords und Riffs. Dabei ist es eine große Hilfe, dass die auf dem Keyboard zuvor eingestellten Sounds dem Original schon recht nahe kommen und das Ohr nicht durch eine anders klingende Instrumentierung abgelenkt wird.

    Im Chord Sheet Fenster von Bandhelper notiere ich meine Keyboardspuren in kompakter Form. Akkordnotationen werden dort automatisch in einer von mir auswählbaren Farbe dargestellt. Begleittexte sind bei mir weiß auf schwarzem Grund: Das macht das Ganze recht übersichtlich.

    Da viele Akkorde erst durch den Bass definiert werden, füge ich in der Regel auch den Basslauf sowie andere markante akustische Ereignisse hinzu. Du kannst übrigens genauso verfahren, wenn Du Gitarre oder ein anderes Instrument spielst.

    Trotz gleicher Tonhöhe kann das Heraushören komplexer Akkorde und anspruchsvoller Riffs bei normaler Wiedergabe-Geschwindigkeit recht herausfordernd sein. Um sich mit dem Material vertraut zu machen, bietet es sich daher an, die fraglichen Ausschnitte des Audiotracks in einer Endlosschleife wiederzugeben, zu loopen.

    Bei besonders schrägen Akkorden oder tierisch schnellen Läufen kann es hilfreich sein, zusätzlich die Geschwindigkeit der Loops zu verlangsamen. Auch diese Möglichkeit bietet Bandhelper per Speed Fader – und zwar, ohne die Tonhöhe zu verändern.

    Screenshot „Bandhelper“: Setlist / © Chris Hinz

    Vielseitiges Werkzeug: Audio Stretch

    Wem das nicht genügt, dem kann ich die Standalone App „AudioStretch“ von Cognosonic Ltd   wärmstens empfehlen: Sie bietet die Möglichkeit, den Track anzuhalten (d.h. die Geschwindigkeit auf Null zu setzen) und bildet die zu jenem Zeitpunkt identifizierten Frequenzen auf einer Klaviertastatur am Kopf des Displays ab.

    „AudioStretch“ als App auf’ m Handy: Main Screen / © AudioStretch

    Um einzelne Instrumente gezielt heraushören zu können, kann man dabei zwischen verschiedenen Wiedergabemodi wählen (Stereo, Mono, Mono Left, Mono Right, Left Minus Right). Auch jene App bietet Funktionen wie Loops und Pitch Change. Darüber hinaus errechnet sie den BPM Wert der Aufnahme und ermöglicht den Export / Versand modifizierter Audiospuren im WAV-Format.

    „AudioStretch“ auf’m PC – Screenshot: Settings / © Chris Hinz

    Die vorstehend beschriebenen Schritte erfordern etwas Zeit und eine ruhige Arbeitsumgebung. Beim ersten Durchgang rechne ich mit durchschnittlich vier Stunden Arbeit pro Song. Das Fine Tuning erfolgt dann während der gemeinsamen Proben und nach jedem Auftritt mittels Auswertung der Konzertmitschnitte.

    Mehr Informationen gibt’s auch in meinem Artikel: “(Noch) Besser werden: Qualitätssicherung leicht gemacht”

    Covern ist echtes „Kunsthandwerk“

    Jeder neue Musiktitel hält seine eigenen Überraschungen für mich bereit. Und es kann auch schon mal eine halbe Stunde oder mehr dauern, bis ich ein komplexes Riff analysiert, zerlegt und nachgebildet habe. Aber anstatt zu verzweifeln und zu vereinfachen, ist mir dies Ansporn, dazu zu lernen.

    Und für mich gibt es nichts Schöneres, als nach getaner Arbeit festzustellen, wie dicht ich dem Original gekommen bin: Ganz ohne fremde Hilfe und nicht selten mit neuen Erkenntnissen sowie tollen Ideen für eigene Stücke im Gepäck.

    Und wenn es dann auf der Bühne richtig groovt und das Publikum mitsingt, gibt’s schon mal den einen oder anderen Gänsehaut-Moment. Dieses Glücksgefühl wünsche ich Euch auch.

    Wie tastet Ihr Euch an neue Cover Songs heran? Welche Art der Notation verwendet ihr? Welche (technischen) Hilfsmittel setzt Ihr dazu ein? Schreibt’s unten in die Kommentare

    Chris Hinz
    Chris Hinz verfügt über eine 6-jährige klassische Ausbildung am Piano und eine 3-jährige Ausbildung an der Sakralorgel. Er ist seit mehreren Jahrzehnten in der Musikszene Rhein Main aktiv und aktuell mit zwei Coverbands und einem Smooth Jazz Duo unterwegs. Chris Hinz ist freiberuflicher Unternehmensberater und war lange Zeit für ein namhaftes IT Unternehmen tätig.

    1 Kommentar

    1. Klasse Artikel, Chris. Gut gespielte Cover beflügeln auch den “Mischenden” (= Er / Sie / Es am Mischpult) es macht einfach mehr Spaß. Das kann man bei oft billig heruntergeschraddeltem Top 40 Kirmesrock nicht immer behaupten 🙂

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