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Die Mikrofonierung und Übertragung von Chören 1/2

von Jörg Kirsch

Eigentlich wollte ich den Artikel gar nicht veröffentlichen, da es hier teilweise sehr ins “Eingemachte” geht. Einen Chor möglichst authentisch aufzunehmen, erfordert einen fundierten physikalisch / tontechnischen Background, den wir hier beleuchten. Wenn es Euch zu technisch wird, steigt gerne aus. Den Stage-Tontechnikern empfehle ich allerdings den Zusatzteil 2/2 über die Live-Abnahme von Chören, da gibt es den ein oder anderen wertvollen Praxistipp.

Ein Erfahrungsbericht

Je nach Größe des Chores benutze ich zwischen 2 und 5 Mikrofone, die direkt vor und über dem Chor stehen. Zusammen bilden sie ein Hauptmikrofonsystem (sog. “Multi- Stereofonie”). Ergänzend dazu – sozusagen für die “Totale” – noch eine Stereomikrofonanordnung mit 2 Mikrofonen.

Stereohauptmikrofon

Diese Anordnung wird häufig als Haupt-Stützmikrofontechnik  bezeichnet.
Ich möchte diesen Terminus aber bewusst vermeiden, denn diese Art Mikrofonierung, bei der ein Stereohauptmikrofon  (aus 2 Mikrofonen oder einem Koinzidenzmikrofon bestehend) mit Zusatzmikrofonen gestützt  wird. Es liefert jedoch nur dann befriedigende Ergebnisse, wenn der Chorklang in sich schon sehr ausgewogen ist.

Einfangen des Ambientes

Das Stereomikrofon für die Totale ist viel mehr zum Einfangen des Ambiente gedacht und nicht als “Hauptmikrofon” im schulmäßigen Sinne zu verstehen.

Hast Du es mit einem kleineren Chor zu tun – so etwas bis zu 20 Sänger, so genügt meist eine 2-Mikrofonanordnung in ORTF-Aufstellung * (2 Nierenmikrofone im gegenseitigen Abstand von 17 cm und einem Spreizungswinkel von 110°). Den Abstand zum Chor musst Du ausprobieren – je nach Halligkeit des Raumes zwischen 2-5 Meter.

Eine andere Variante ist die Verwendung eines in XY oder MS-Anordnung **  aufgestellten Stereokoinzidenzmikrofons  (an Stelle der ORTF). Grundsätzlich solltest Du nur Kondensatormikrofone benutzen, da diese die präziseste und verfärbungsärmste Übertragung ermöglichen. Gerade bei Chormusik sind Klangverfärbungen äußerst störend.

Richtcharakteristik

Für die einzelnen vor und über dem Chor angeordneten Mikrofone solltest Du Nierenmikrofone benutzen. Es können aber auch Kugeln sein, wenn die Mikrofone nicht zu dicht beieinander stehen. Kugeln haben auf jeden Fall eine bessere Baßübertragung. Lies dazu auch unseren Beitrag von Jürgen Schwörer (Shure): “Mikrofongrundlagen: Richtcharakteristik”.

Wenn Du den Chor blockweise aufstellst, also S-A-T-B, kann vor jede Stimme ein Mikrofon gestellt und dann die Signale mit den Panoramareglern des Mischpultes auf die Stereobasis verteilt werden. Dabei ist zu beachten, daß die abgebildete Richtung der Stimmen mit der des Stereomikrofons zusammenfällt, sonst gibt es im Stereoklangbild Mehrfachabbildungen die sehr unschön wirken.

Kontrolle mit Kopfhörer

Am besten kontrollierst Du das mit Kopfhörer. Zuerst das Signal des Stereomikrofons anhören, und dann langsam die übrigen hinzumischen. Verschiebt sich dabei die durch das jeweilige Einzelmikrofon eingefangene Teilschallquelle im Stereoklangbild, musst Du mit dem Pan-Regler solange justieren bis die Richtungen übereinstimmen – mehrmals probieren!

Die o.g. Aufstellung: S-A-T-B *** sehe ich allerdings nur sehr ungern. Im Stereoklangbild stehen da die tieferen Stimmen rechts und die hohen Stimmen links. Genau das erzeugt aufgrund der Hörphysiologie den Eindruck, als sei trotz gleichem Pegel der linke Kanal lauter als der rechte. Besser ist die klassische Choraufstellung mit S-A vorne und T-B dahinter. Dann ist die hoch/tief-Verteilung homogener.

Große Chöre

Bei der Aufnahme von großen Chören (20 bis 100 Sänger) benutze ich bis zu 5 Mikrofone, und zwar: 3 vor den Chor und 2 über dem Chor auf die hinteren Stimmen gerichtet, also so eine “M”- förmige Anordnung, sowie ein Stereomikrofon für die Totale wie oben beschrieben. Hierbei hat sich übrigens eine ganz andere Aufstellung des Chores bewährt: Sopran links, Alt rechts und dreieckig angeordnet in der Mitte die Männerstimmen.

Die Bässe

Entweder die linke Hälfte des Dreiecks mit den Tenören und die rechte mit den Bässen oder der Tenor vorne und der Baß hinten. Dann ist die “M”-Anordnung erst recht vorteilhaft. Denn die Bässe brauchen immer Mikrofone für sich, weil die Sopran- und Altstimmen hörphysiologisch bedingt (siehe oben) immer lauter erscheinen.

Auch ist bei vielen Chören der Umstand zu beobachten, daß mehr Frauen- als Männerstimmen vorhanden sind.

Noch etwas zu den Mikrofonen:

Als Stereomikrofonanordnung für die Totale kann man auch 2 Kugelmikrofone verwenden. Kugelmikrofone haben, wie bereits erwähnt, eine bessere Baßübertragung (physikalisch bedingt) und geben auch die räumliche Tiefenstaffelung richtig wieder.

Bei Verwendung von Koinzidenzmikrofonen in XY-Aufstellung  (2 Nieren, Supernieren oder Achtcharakteristiken = “Blumleinanordnung” ) passieren oft Fehler. Man darf sich nicht dazu verleiten lassen, die Achsen der maximalen Empfindlichkeit auf die Ecken der Schallquelle auszurichten. Das habe ich leider schon oft bei Anfängern beobachten müssen!

Gerade bei 2 um 90° gespreizte Nieren führt dies zu einem sehr schwach ausgeprägten Stereoeffekt. Nicht der Winkel der Achsen maximaler Empfindlichkeit bestimmt die Basisbreite der Abbildung, sondern die der minimalen Empfindlichkeit. Und die ist bei der besagten Einstellung nicht 90° sondern 270°!

Nur dann wenn der Chor in einem 3/4-Kreis um das Stereomikrofon mit 90° Achsenwinkel und 2 Nieren steht, wird die Basisbreite voll genutzt.

Ein Winkel von 180 bis 200° reicht

Allerdings ist in der Praxis kein Winkel von 270°  erforderlich. Denn es genügt eine Kanaltrennung zwischen L und R von 18 dB, um eine Schallquelle vollständig links bzw. rechts zu orten (nach den Kurven von Williams). Ein Winkel von 180 bis 200° um das Mikrofon herum reicht aus. Mal ganz davon abgesehen, daß es auch für den Dirigenten schwierig wäre, wenn die Sänger einen Winkel von 270° bilden würden.

Kondensatormikrofone mit auswechselbaren Kapseln

Weiterhin sollte man noch beachten, daß ein Stereokoinzidenzmikrofon – aber auch mehr oder weniger die ORTF-Anordnung -immer polar orientiert ist. Soll heißen: wird die Schallquelle geradlinig vor das Mikrofon aufgestellt, sind die mittleren Stimmen immer etwas lauter als die äußeren.

Wer öfter Choraufnahmen macht und nicht vor größeren Geldausgaben zurückschreckt, sollte sich Kondensatormikrofone mit auswechselbaren Kapseln besorgen. Noch bequemer sind solche mit umschaltbaren Richtcharakteristiken.

Richtungsbestimmung von Hörereignissen

Eine weitere mittlerweile gemachte Erfahrung möchte ich dem experimentierfreudigen Tontechniker nicht vorenthalten: Jeder der sich einmal mit der Materie des “Richtungshörens” näher auseinandergesetzt hat, wird wissen, dass die Richtungsbestimmung eines Hörereignisses  nicht nur von Pegelunterschieden zwischen linkem und rechtem Ohr erfolgt. Es sind auch die Laufzeitdifferenzen zwischen links und rechts. Und letztendlich erfolgt eine Richtungsbestimmung durch Klangfarbenunterschiede.

Letzteres soll hier nicht näher betrachtet werden, wohl aber die Erzeugung der Richtungsinformation mit Laufzeitunterschieden. Bei den heutigen modernen Digitalmischpulten findet man häufig die Möglichkeit, jeden Kanal individuell zu verzögern. Die erreichbaren Laufzeiten liegen zwischen 1 Sample bis zu 50 Millisekunden. Es liegt nun nahe, Choraufnahmen (da diese ja relativ wenig Mikrofone erfordern) in reiner Laufzeitstereofonie zu machen.

Für jedes Mikro zwei Kanäle

Dazu muß man zunächst jedes Mikrofon auf 2 Mischpulteingänge verteilen. Jedes Mikrofon belegt somit 2 Kanäle. Diese müssen auf gleiche Verstärkung eingestellt werden. Die Kanalpegelsteller sollten dann gekuppelt werden, entweder mechanisch, oder elektronisch wenn das Mischpult dies ermöglicht.
Sodann werden für jedes Mikrofon die Pan-Pots der beiden belegten Kanäle auf die Eckstellungen gebracht.

Anstatt mit den Pan-Pots die Richtungen festzulegen, werden nun die einzelnen Delays in den Kanälen unterschiedlich eingestellt. Soll die Schallquelle außerhalb der Mitte erscheinen, muß der Kanal früher kommen auf dessen Seite die Schallquelle abgebildet werden soll.

Ich überlasse es hier jedem selbst, damit einfach mal zu experimentieren. Meiner Erfahrung nach werden musikalisch geschulte Hörer beim Umschaltvergleich zwischen herkömmlicher Panpot-Technik  und Laufzeitstereofonie, die letztere als “besser” empfinden.

Techniken kombinieren

Wenn Du es ganz perfekt machen willst, kannst Du die beiden Techniken kombinieren. Gegebenenfalls stellst Du noch Klangfarbenunterschiede zw. L und R (die beim natürlichen Hören ja auch entstehen) in dem jeweiligen Kanalpaar ein. Beim Einstellen der Delays empfiehlt es sich unbedingt, die Mischung zwischendurch auch mal in Mono abzuhören. Denn durch ungünstig eingestellte Laufzeiten  entstehen unangenehm klingende Kammfilterwirkungen ****. Diese fallen dann bei der Addition der Kanäle zu Mono sofort auf.

Da die Mikrofone auf jeweils 2 Kanäle wirken, solltest Du Dich vorher überzeugen ob die Belastung des Mikrofons durch den Eingangswiderstand des Mikrofonverstärkers noch zulässig ist.

Lesetipp:

Die “Mikrofonaufsätze” von Jörg Wuttke (https://www.ingwu.de/mikrofontechnik/mikrofonaufsaetze.html).

Channel Cloning

Je nach Struktur des Digitalmischpultes kann es aber auch sein, daß eine Aufsplittung auf 2 Kanäle nicht notwendig wird, nämlich dann, wenn die für die Verzögerung notwendige Delaystrecke funktionsmäßig “hinter” dem Pan-Pot  liegt. Du stellst dann bei allen Kanälen das Pan-Pot auf die Mittelstellung. Nur die Delays hinter dem Pan-Pot stellst Du auf unterschiedliche Zeiten ein. Die Alternative heißt “Channel Cloning”, Du verteilst nach dem Preamp ein Signal per digitalem Routing auf zwei Kanalzüge.

Der Aufnahmeraum

Der Aufnahmeraum stellt auch ein wichtiges Kriterium dar. Grundsätzlich gilt: Überall da, wo man sich beim Singen wohlfühlt und angenehm hört, sind meist auch Aufnahmen in mindestens passabler Qualität möglich. Das kann eine Kirche oder ein Vereinsheim sein. Hauptsache, es tritt nicht zu viel Fremdschall (Autos etc) auf.

Achte vor allen Dingen auf tieffrequenten Störschall (Heizung etc.)! Den hörst Du hinterher recht deutlich auf jeder Aufnahme.

Toll, wenn Du bis hier durchgehalten hast. Dann wird auch der 2. Teil dieses Beitrags interessant für Dich sein, denn hier erfährst Du, wie Du eine Livebeschallung mit einem Chor feedbacksicher und mit authentischem Klang realisierst, und das auch in größeren Hallen.

Glossar

  • * ORTF-Aufstellung
  • = Als ORTF-Stereosystem bezeichnet man eine Anordnung von zwei Mikrofonen für die Tonaufnahme in Äquivalenzstereofonie bzw. gemischte Stereofonie zur Lautsprecherstereofonie
  • ** XY oder MS-Anordnung
  • = eine Stereoaufnahmetechnik mit zwei um 90° gekreuzte Achtmikrofone. Es zeichnet sich durch eine besonders gute Raumwiedergabe und breite Stereobasis aus. Der Stereoeindruck entsteht durch Pegeldifferenzen (Intensitätsunterschiede) und nicht durch Laufzeitunterschiede der Kanäle (Blumlein-Stereosystem).
  • *** SATB
  • = S-A-T-B (seltener SCTB) ist eine häufig verwendete Abkürzung für die übliche Besetzung eines vierstimmigen Gesangsensembles (Chor oder Solisten) mit den Stimmlagen Sopran (Soprano), Alt (Contralto), Tenor (Tenore) und Bass (Basso).
  • **** Kammfilterwirkungen
  • = Ein Kammfilter (englisch comb filter) ist ein Filter, das aus Signalen Gruppen bestimmter Frequenzen filtert. Im Unterschied zu Tief- und Hochpass ist es durch mehrere Filterfrequenzen im gleichen Frequenzabstand gekennzeichnet. Der Amplitudengang (Pegel über die Frequenz) des Frequenzgangs des Kammfilters hat ein kammartiges Aussehen, woher das Kammfilter seinen Namen hat.

Welche speziellen Erfahrungen habt ihr bei der Chorabnahme?  Schreib uns doch dazu was in die Kommentare.